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Recherchiert man im Internet zu diesem brisanten und hochaktuellen Thema, dann erkennt man schnell, dass die Begrifflichkeiten „radikal“ und „extrem“ häufig im gleichen Kontext verwendet werden, eine Abgrenzung findet nicht statt. Die folgende, kurze Analyse erläutert Unterschiede aber auch Gemeinsamkeiten, setzt ihren Fokus auf den religiösen Radikalismus und erklärt, warum Radikalismus oft in Terrorismus gipfelt.

 

Einführung: Begriffsdefinitionen radikal  und extrem

Der Begriff Radikalismus stammt von dem lateinischen Wort radix  ab. Radix  heißt ins Deutsche übersetzt Wurzel.  Radikalismus bezeichnet demnach politische Einstellungen, die grundlegenden Veränderungen durchsetzen wollen. Gesellschaftliche Probleme sollen „an der Wurzel“ gepackt und nicht nur oberflächlich angegangen werden. Unterschieden wird zwischen Rechts- und Linksradikalismus sowie religiösem Radikalismus. Die Zielsetzungen dieser drei Strömungen sind zwar unterschiedlich, gemeinsam ist ihnen jedoch die Bereitschaft zur Gewalt um ihre jeweiligen Absichten durchzusetzen.

Radikale Strömungen richten sich nicht zwangsläufig gegen die Prinzipien der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, sie wollen jedoch die bestehende gesellschaftliche Ordnung im Totalen verändern. Den Begriff Radikalismus  von dem Begriff Extremismus  abzugrenzen, gestaltet sich oft schwierig. Seit etwa 1973 bezeichnet Extremismus politische Einstellungen und Bestrebungen, die den äußersten Rändern des politischen Spektrums zugeordnet werden. Radikale Bestrebungen werden nicht vom Verfassungsschutz beobachtet, extremistische dagegen schon, denn sie richten sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung. So streben Linksextreme eine „Diktatur des Proletariats“ an, während Rechtsextrem einen „totalen Führerstaat“ durchsetzen wollen. Islamisten dagegen möchten einen „Gottesstaat“ errichten.

Der Terminus Radikalismus  kommt dagegen ursprünglich aus der liberalen Freiheits – und Demokratiebewegung des 19. Jahrhunderts. Lange Zeit galt er als politischer Richtungsbegriff für die bürgerliche Linke. Forderung der radikalen Demokraten waren unter anderem die Einführung des allgemeinen Wahlrechts, eine konsequente Entmachtung der Kirche sowie die Etablierung der Republik als Staatsform. Vor allem in den romanischen Ländern Europas steht der Begriff auch heute noch für linksliberale und radikaldemokratische Parteien.

 

 

Abgrenzung beider Begrifflichkeiten

In der politischen Diskussion werden die Begriffe „extrem“  und „radikal“  häufig synonym verwendet. Die Definition des Bundesamtes für Verfassungsschutz für beide Begriffe lautet wie folgt:

"Als extremistisch werden die Bestrebungen bezeichnet, die gegen den Kernbestand unserer Verfassung – die freiheitliche demokratische Grundordnung – gerichtet sind. Über den Begriff des Extremismus besteht oft Unklarheit. Zu Unrecht wird er häufig mit Radikalismus gleichgesetzt. So sind z.B. Kapitalismuskritiker, die grundsätzliche Zweifel an der Struktur unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung äußern und sie von Grund auf verändern wollen, noch keine Extremisten. Radikale politische Auffassungen haben in unserer pluralistischen Gesellschaftsordnung ihren legitimen Platz. Auch wer seine radikalen Zielvorstellungen realisieren will, muss nicht befürchten, dass er vom Verfassungsschutz beobachtet wird; jedenfalls nicht, solange er die Grundprinzipien unserer Verfassungsordnung anerkennt."

Die Personen oder Organisationen, die klar rechts oder links der Mitte des politischen Spektrums stehen, dabei allerdings im Rahmen der Verfassung bleiben, werden von den Behörden als rechts- beziehungsweise linksradikal bezeichnet.

 

 

Religiöser Radikalismus

Radikal  bedeutet also eine Rückbesinnung auf den Ursprung, auf die Wurzel, auf das Fundament. In allen Universalreligionen gibt es Phasen, in denen die Anwendung von Gewalt mit religiösen Argumenten gerechtfertigt wird. Radikale Strömungen gibt es demnach nicht nur im Islam, sondern auch im Juden- und Christentum. So kam es beispielsweise zur Zeit der Kreuzzüge ab den Jahr 1095 n. Chr. zur Ermordung zahlreicher Andersgläubiger oder Ungläubiger durch Christen. Diese Kreuzzüge richteten sich vor allem gegen die muslimischen Staaten im Nahen Osten. Der Islam ist eigentlich eine friedliche, tolerante Religion. So steht beispielsweise im Koran geschrieben, dass kein Mensch einen anderen töten soll. Radikale Glaubensanhänger vertreten jedoch die Überzeugung, dass ihre Religion die einzig wahre sei und dass ihr religiöser Kampf gegeben falls auch mit Gewalt durchgesetzt werden müsse.

Der Begriff radikal  wird häufig im falschen Kontext verwendet und mit einer extremen Gewaltbereitschaft gleichgesetzt. An dieser Stelle muss der Frage nachgegangen werden, warum eine radikale Religion oft in Gewalttaten endet. Die Gründe hierfür sind sowohl psychologisch als auch soziologisch zu finden. Oft fühlen sich radikalisierte Menschen orientierungslos, sind ohne Halt. Die Rückbesinnung auf religiöse Werte gibt ihnen Struktur. Der islamische Radikalismus strebt eine neue Weltordnung an, die Welt soll zunächst „entwestlicht“ werden, danach soll die westlich-europäische Globalisierung rückgängig gemacht werden und eine Islamisierung stattfinden. In diesem „heiligen Krieg“ wird vor allem gegen „Ungläubige“ gekämpft. Die radikalen Glaubensanhänger des Islams werden als „Islamisten“  bezeichnet.

 

 

Die islamische Ideologie

Die islamische Ideologie ist vor allem durch ein polarisiertes Weltbild geprägt. Es gibt nur Gut und Böse, den Westen und den Islam, Gläubige und Ungläubige. Hinzu kommt ein Überlegenheitsanspruch, der religiös und moralisch begründet ist. Allen terroristischen Gruppierungen ist es jedoch gleich, dass sie glauben, mit dem Einsatz von Gewalt ihre Ziele zu erreichen. Gewalt ist also gerechtfertigt. Ziel ist das Leben in einem islamischen Gesellschaftssystem nach der Scharia. Solche Überzeugungen, also auch die radikalen, sind zunächst einmal nicht verboten. Sie beeinflussen jedoch massiv das Leben in unserer offenen, toleranten und auf Respekt angewiesenen Gesellschaft.

 

 

Warum radikalisieren sich gerade junge Menschen?

Die Radikalisierung von Jugendlichen in Europa nimmt seit Jahren stetig zu. Besonders anfällig für radikale Gruppen sind vor allem männliche Jugendliche zwischen 15 und 16 Jahren. Die Faktoren Perspektivlosigkeit, Armut und gesellschaftliche Ausgrenzung spielen hierbei eine große Rolle. Jugendliche, die sich in einer identitätsbildenden Phase befinden, sind besonders anfällig für eine Radikalisierung. Auf ihrer Suche nach Identität erfahren sie oft Zurückweisung, sei es durch das schulische Umfeld, durch die Eltern oder auch durch Freunde. Die Betroffenen fühlen sich oft entfremdet und heimatlos. Viele Jugendliche erhoffen sich, durch den Anschluss an eine radikale Gruppe, Familienersatz zu finden. Sie suchen hier Geborgenheit, ein Gefühl, was die eigene Familie aber auch der Freundeskreis ihnen nicht geben kann.

Radikale Gruppierungen vermitteln ein Gefühl von Zugehörigkeit, das Ziehen in den „Heiligen Krieg“, den Dschihad, wird mit Kameradschaft und Freundschaft in Verbindung gebracht. Aber auch Sicherheit spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Das Weltbild ist einfach, es gibt entweder gut oder böse, die Regeln sind eindeutig, alles ist klar strukturiert. Aach wird durch den Eintritt in eine solche Gruppe das „Wir-Gefühl“ gestärkt. Die Jugendbedürfnisse Rebellion und Protest, Abenteuerlust und Zugehörigkeit zu einer Clique werden gestillt. Bei allen Radikalisierten, ob jung oder alt, spielt das Gerechtigkeitsempfinden eine große Rolle. Vielen der sich Radikalisierenden erscheinen die Welt und die Gesellschaft als zutiefst ungerecht. Mit Hilfe ihrer Gruppe wollen sie die Welt retten oder aber die Gesellschaft verbessern, sie sind auf der Suche nach einem alternativen Gerechtigkeitsmodell, was sie so anfällig für radikales Gedankengut macht. Die Jugendlichen werden über das Internet und vor allem über die sozialen Medien angeworben. Für Außenstehende ist es nur schwer zu erkennen, wann diese schleichende Radikalisierung überhaupt beginnt. Die betroffene Person verändert nach und nach ihre Ideologie, sie fängt beispielsweise an, die demokratischen Werte abzulehnen. Wird dem nicht entgegengesteuert, kann das Ganze in einer Ausreise aus dem Heimatland in einen islamisch geprägten Staat gipfeln mit der Bereitschaft zur Gewaltanwendung im Namen der Religion. Oft richtet sich diese Gewalt auch gegen die eigene Person, sollte der Radikalisierte den Märtyrertod wählen. Hierbei ist er fest davon überzeugt, von Gott für seine Tat belohnt zu werden.

 

 

„The mark of the immature man is

that he wants to die nobly for a cause

while the mark of the mature man is

that he wants to live humbly for one.“

J.D. Salinger

 

 

Wer wird zum Attentäter?

Es sind häufig hier geborene und aufgewachsene Männer der zweiten oder dritten Generation ohne Migrationshintergrund. Man nennt sie auch „homegrown terrorists“.  Es gibt jedoch keinen klassischen Typus des militanten Terroristen. Wie oben schon erwähnt, sind es oft Männer aus den sozial schwächeren Schichten, sie sin oft arbeitslos und ohne Perspektive. Sie kommen in Kontakt mit der Ideologie, sind anfällig für das radikale Gedankengut. Durch Gruppendynamik und einen charismatischen Führer werden sie schlussendlich mobilisiert. Radikalisierung ist demnach ein Prozess: sie verläuft oft nicht gradlinig, kann unterbrochen werden oder die Richtung wechseln.

 

 

Radikalismus als Vorstufe zum Terrorismus

Keiner wird sofort und plötzlich zum Terroristen. Das Abdriften zum Terrorismus geschieht zunächst über radikale, dann über immer extremere Positionen. Wer also den Terrorismus eindämmen will, der muss zunächst den gewaltbereiten Extremismus bekämpfen. Und wer den Extremismus verhindern will, der muss beginnen, sich politisch mit dem Radikalismus auseinanderzusetzen. Unter Terrorismus versteht man Gewaltaktionen gegen Menschen (oft Zivilisten) oder Sachen. Diese Gewalt wird dazu eingesetzt, politische, religiöse oder auch ideologische Ziele durchzusetzen. Terrorismus dient als Druckmittel. Er soll vor allem Unsicherheit und Schrecken (in der Zivilgesellschaft) verbreiten. Terror kann auch staatlich organisiert sein, in der Regel sind es jedoch nichtstaatliche Akteure, die Terror ausüben. Diese Terroristen organisieren sich meistens in militanten Gruppierungen, zu den bekanntesten zählen der Islamische Staat, Al-Qaida oder Boko Haram.

 

 

Ansätze zur Prävention

Was kann die Gesellschaft tun, damit junge Menschen sich nicht einer extremistischen und Gewalt rechtfertigender Ideologie zuwenden?

Wichtig ist es, zunächst einmal zu erkennen, dass zum islamischen Spektrum ganz unterschiedliche Gruppierungen gehören. Sie unterscheiden sich in ihrer Haltung zum Einsatz von Gewalt. Einige lehnen Gewalt komplett ab, andere akzeptieren sie bedingt und wieder andere rechtfertigen sie. Unter Jugendlichen, die sich radikalisieren, gibt es viele soziale Probleme. Arbeitslosigkeit und niedrige Schulabschlüsse gehören hier zum Alltag. Hinzu kommt ein erschreckendes Nichtwissen über Religion, speziell über den Islam, den Koran und die Scharia. Genau hier muss angesetzt werden: es muss Aufklärung betrieben und den Jugendlichen eine Perspektive vermittelt werden. Die Bildungs- und Sozialpolitik muss an dieser Stelle aktiv werden.

 

Text: Sophie Martin

Bilder: pixabay

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