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Man nennt sie auch „Caliphettes“ – Frauen, die in den Dschihad ziehen, die sich dem IS anschließen, um zu kämpfen, um zu töten. Und das, obwohl die Ideologie des IS mehr als frauenfeindlich, mehr als frauenverachtend ist. Doch was sind die Beweggründe dieser Kämpferinnen? Warum konvertieren Frauen aus westlichen, demokratischen Staaten zum Islam? Was erwartet sie im Kalifat des IS? Der folgende Text erklärt die Zusammenhänge und gibt Einblicke in eine verstörende und perfide Rekrutierungsmaschinerie, die vor allem junge Mädchen aus Europa in den Dschihad lockt.

                                                                                                                                               

Die Konvertitin Sally Jones

Sie nennt sich Umm Hussain Al-Britania, postet oft brutale, blutrünstige Fotos und Videos sowohl in ihrem Twitter- als auch in ihrem Facebook-Account. Mit richtigen Namen heißt sie Sally Jones. Sie ist 45 Jahre alt, kommt aus London, Groß-Britannien. Dort war sie Gitarristin und Leadsängerin der Punk-Band Krunch, arbeitete in einer Drogerie, lebte ein normales Leben, war vielleicht ein wenig rebellisch, tanzte aus der Norm, immer auf der Suche nach neuen Abenteuern. Doch Sally Jones ist auch einsam, neigt zur Melancholie, fühlt sich oft heimatlos, entwurzelt. Sie ist viel in den sozialen Medien unterwegs. Dort lernt sie Junaid Hussain kennen. Sie verliebt sich in den talentierten aber fanatischen Hacker, der als IT-Spezialist für den IS arbeitet. Im Dezember 2013 reist Sally Jones mit ihrem damals achtjährigen Sohn zum ersten Mal nach Nordsyrien um Junaid zu heiraten. Ihre Ehe ist nur von kurzer Dauer, Junaid stirbt 2015 bei einem Angriff der US-Luftwaffe auf die syrische Stadt Raqqa. Sally Jones berichtet daraufhin stolz bei Twitter von seinem Tod.

 

Gründe für die Unterstützung des IS

Doch warum schließen sich Frauen wie Sally Jones der Terrormiliz Islamischer Staat an? Im Jahr 2015 sind an die 550 Frauen aus westlichen, demokratischen Staaten in das Kalifat des IS in Nordsyrien und dem Nordirak übergesiedelt. In diesem Kalifat wird nach archaischen Regeln ein totalitäres Regime aufgebaut. Die Frauen geben ihr bisheriges Leben in Frieden und in Demokratie auf, verschreiben sich einer ihrer Ansicht nach höheren Idee. Die Ideologie, der sie sich zuwenden, ist vor allem eins: frauenverachtend. Hinzu kommen totalitäre und fanatische Züge.

Die Gründe unterscheiden sich nicht grundlegend von denen ihrer männlichen Gesinnungsgenossen. 2015 sind geschätzte 2500 Männer aus dem Westen in den Dschihad gezogen.

Anders als in Afghanistan, in den Palästinagebieten oder auf dem Balkan haben die IS-Kämpfer eine neue Herausforderung: den Versuch, einen neuen, eigenen Staat aufzubauen. Hinzu kommt der Hass auf den Westen und der Kampf gegen ihn. Aber auch psychologische Aspekte spielen eine Rolle. Es ist die Sehnsucht nach Geborgenheit und die Suche nach Zugehörigkeit.

 

Welcher Frauentyp ist anfällig für die IS-Ideologie?

Die „Dschihad-Bräute“, wie sie genannt werden, haben oft viele Gemeinsamkeiten. Die meisten von ihnen sind in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, sie sind emotional labil, verletzlich, schutzbedürftig. Auf ihrer Suche nach Sinn und Identität sind sie anfällig für die professionelle Rekrutierungsmaschinerie des IS. Die Frauen werden systematisch über das Internet angeworben, sie stoßen auf IS-Propagandavideos, sind häufig fasziniert. Das Vorgehen der Rekrutierer ist mehr als perfide: Sie täuschen Verständnis vor, vermitteln ein Gefühl von Geborgenheit unter Gleichgesinnten. Oft sind es Mädchen, die Mädchen werben. Diese Peer-to-Peer Marketingstrategie ist äußerst erfolgreich. 2015 wurde außerdem extra eine „Ehevermittlung“ eingerichtet, um die Moral der IS-Kämpfer zu stärken.

Die Frauen konvertieren schlussendlich zum Islam – und das mit einer erschreckenden Unwissenheit über diese Religion, über den Glauben, den Koran, die Scharia. 

Sie lehnen den Westen kategorisch ab, wollen etwas Neues schaffen, eine reine Gesellschaft, die den Geboten Allahs gehorcht sowie dem Koran und der Sunna, ohne zu verstehen, ohne zu begreifen, was dies im Detail überhaupt bedeutet. Frauen, die sich dem IS anschließen, nennt man auch „Caliphettes“.

Unter dem Einfluss des IS verrohen die Frauen zunehmend, sie härten mehr und mehr ab. Und sie glauben an das Paradies. Sie wollen das Kalifat mitaufbauen, sehen in dieser Aufgabe ihre religiöse und gesellschaftliche Pflicht. Sie heiraten in Syrien IS-Kämpfer und als Mütter ziehen sie die nächste Dschihadisten- Generation heran.

Frauen aus der ganzen Welt will der IS für seine Sache rekrutieren. Im Vordergrund steht die Versorgung der IS-Kämpfer mit Frauen. Schon Mädchen ab neun Jahren werden an die Kämpfer verkauft, viele arabische Frauen werden gezwungen, einen Dschihadisten zu heiraten. Der Bedarf an Frauen ist hoch, denn gerade die ausländischen Kämpfer machen von ihrem Recht, mehrere Frauen heiraten zu dürfen, gerne Gebrauch.

Oft werden diese Frauen von den westlichen Gesellschaften als Opfer fundamentalistischer Ideologien gesehen. Doch das ist falsch. Sie sind keine Opfer, sondern vielmehr Täterinnen, die sich ebenso stark dem IS verschrieben haben wie die Männer. 

 

Die frauenverachtende Ideologie des IS

Unter der Herrschaft des IS haben Frauen so gut wie keine Bewegungsfreiheit. Sie müssen ihren Körper sowie das Gesicht unter einem doppelten Umhang verhüllen, hinzu kommt das Tragen von Socken und Handschuhen. Sollte eine Frau das Haus verlassen wollen, dann nur in Begleitung eines männlichen Verwandten, den sie nicht heiraten darf (Vater, Bruder, Onkel, Sohn). Diese Begleitperson nennt man „Mahram“. Sollte eine Frau arbeiten, dann muss der „Mahram“ sie ebenfalls begleiten. Doch die meisten Frauen im Kalifat dürfen ohnehin nicht arbeiten. Auch reguläre Schulen und Universitäten sind für Frauen nicht zugänglich. Und: Frauen unter 50 Jahren dürfen nicht reisen. Wer sich nicht an diese Regeln hält, wird brutal bestraft.

 

Die Al-Khansa-Brigade

Die Al-Khansa-Brigade ist eine reine Frauentruppe, die erstmals 2014 in Erscheinung tritt. Die Brigadistinnen patrouillieren in den Provinzhauptstädten Mosul und Raqqa, gekleidet in einen Niqab, ausgestattet mit Kalaschnikows. Damals und wie heute ist es ihre Aufgabe, darauf zu achten, dass die Frauen den Vorgaben des IS entsprechend gekleidet sind. Trifft dies nicht zu, darf die Brigade brutale Bestrafungen durchführen, wie zum Beispiel öffentliche Auspeitschungen. In den letzten Monaten haben sich die Frauen jedoch verstärkt an Kämpfen um die Stadt Raqqa beteiligt. Ihr Hauptquartier hatte die Brigade lange Zeit in Tal Afar, eine der letzten IS-Hochburgen im Irak. Tal Afar gilt seit August 2017 jedoch als geräumt. Gründe hierfür sind verschärfte Luftangriffe der Anti-IS-Truppen. Offiziell umfasst die Khansa-Brigade 30 Mitglieder, die Dunkelziffer dürfte jedoch weitaus höher liegen. Benannt ist sie nach der in der arabischen Welt sehr bekannten Dichterin Al-Khansa.

 

Frauen des Islamischen Staates

Im Januar 2015 veröffentlicht die Al-Khansa-Brigade im Internet ein Pamphlet auf Arabisch, in dem ganz klar definiert ist, wie sich die Islamistinnen die Rolle der Frauen im Kalifat des IS vorstellen. Der Titel des Dokuments lautet: Frauen des Islamischen Staates: Manifest und Fallstudie. Es zeigt deutlich, wie sehr die Frauen verachtet und unterdrückt werden. Vordringliche Aufgabe der Frauen ist es, den IS mit Nachwuchs zu versorgen. Darüber hinaus sollen sie sich ausschließlich um ihren Mann, ihre Kinder sowie den Haushalt kümmern. Schon Mädchen im Alter von neun Jahren sind heiratsfähig. In dem Manifest steht auch explizit, dass sich die Frauen bilden sollen, allerdings nur in bestimmten Disziplinen. So sollen sie beispielsweise die Gesetzte der Scharia, das Arabisch des Korans und die islamische Geschichte lernen. Hinzu kommt Unterricht in häuslichen Fähigkeiten wie Nähen, Stricken, Kochen und Kindererziehung. Eine Berufsausbildung dagegen wird kategorisch abgelehnt. Das Arbeiten ist einzig und allein Aufgabe der Männer. Nur Ärztinnen und Lehrerinnen bilden hier eine Ausnahme. Weiterhin heißt es in dem Dokument, dass Frauen sich nach Möglichkeit nicht in der Öffentlichkeit zeigen sollen, sie müssen zu Hause bleiben und sich verschleiern.

 

Weiblicher, dschihadistischer Terror in Europa

Im September 2016 werden in Paris drei Frauen von der französischen Polizei verhaftet. Sie wollen den Gare du Nord in die Luft sprengen. Die Ermittler gehen davon aus, dass diese drei Frauen eine Terrorzelle des IS bilden, die aller Wahrscheinlichkeit nach von Syrien aus gesteuert wird.

Es handelt sich um Frauen im Alter von 19, 23 und 39 Jahren, wobei die 19-Jährige als Hauptverdächtige gilt. In der Nähe der Touristenattraktion Notre- Dame entdecken die Behörden am frühen Abend einen geparkten Peugeot 607 ohne Nummernschild dafür aber mit eingeschalteten Warnblinklicht im Halteverbot. Die Beamten kontrollieren das Auto und finden im Inneren insgesamt sieben Gasflaschen und drei Dieselkanister. Bei der Festnahme wird die 19-Jährige von einem Polizisten angeschossen, sie gilt als Hauptverdächtige. Ihr Vater ist der gemeldete Halter des Fahrzeugs, auch er wird in Gewahrsam genommen, steht auf einer Beobachtungsliste des Geheimdienstes für religiös Radikalisierte.

Der britische Telegraph stößt im Zuge seiner Recherche auf eine Verbindung zu der Britin Sally Jones. Spekulationen zufolge soll sie verantwortlich für den Aufbau dieser militärischen Fraueneinheit gewesen sein. Sie wird daraufhin vom Pentagon als Topterroristin eingestuft. Sally Jones soll mittlerweile tot sein, im Juni 2017 kommt sie bei einem US-Luftangriff an der syrisch-irakischen Grenze ums Leben. Bestätigt wurde diese Meldung bislang nicht.

 

Konsequenzen für Dschihad-Rückkehrerinnen

Was erwartet diejenigen Frauen, die aus dem Kalifat nach Europa zurückkehren? Werden Sie bestraft? Eher nicht. 2013 gab es in Deutschland bundesweit gerade mal zwei Urteile gegen Rückkehrinnen aus Syrien. Der Anteil von Frauen bei Terrorismusverfahren ist demnach verschwindend gering. Denn die meisten Frauen gelten oft nicht als konkrete Unterstützerinnen des IS, weil es ihre primäre Aufgabe ist, sich um Haushalt und Kinder zu kümmern. Dies stellt keinen terroristischen Akt dar. Oft fehlt es auch an konkreten Beweisen, die eine Mitgliedschaft im IS untermauern. Und dennoch besteht die Gefahr, dass eben diese Frauen die Ideologie des Dschihad nach Europa bringen und die Ideologie hier nach und nach globalisieren. Sie gründen neue Terrorzellen, planen Anschläge, stellen eine akute Bedrohung dar. Also werden sie vom Verfassungsschutz beobachtet, um Schlimmeres zu verhindern. Doch der Terror wird weitergehen. In Syrien und im Irak. Und auch hier in Europa.

 

 

Text: Sophie Martin

Bilder: pixabay

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