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Vergangene Woche, am Donnerstag, den 3.Mai, war der jährliche Welttag der Pressefreiheit. Dieser besondere Tag soll an die Verletzung von Informations- und Freiheitsrechten in vielen Staaten auf unserer Welt erinnern. Außerdem wird an ihm der Guillermo – Cano – Peis durch die UNESCO verliehen, der dieses Jahr an den inhaftierten Fotojournalisten Mahmoud Abu Seid aus Ägypten geht. Der Guillermo-Cano-Preis wird seit 1997 vergeben. Er ist nach dem kolumbianischen Journalisten Guillermo Cano Isaza benannt, der 1986 in Bogota ermordet wurde. Lesen Sie in dem folgenden Text, wie die aktuelle Lage für Journalisten in Ägypten ist, was Mahmoud Abu Seid zu befürchten hat und warum sein Schicksal kein Einzelfall ist.

 

 

Es ist der 14. August 2013 an dem die ohnehin schon angespannte, politische Situation in Ägypten eskalierte. Ägyptische Sicherheitskräfte lösten ein Protestcamp von Anhängern des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi im Stadtteil Medinet Nasr der Hauptstadt Kairo brutal auf, es kam zu massiven Ausschreitungen, bei denen an die 800 Menschen getötet wurden, darunter überwiegend unbewaffnete, friedliche Demonstranten. Zuvor waren Mursi-Anhänger über Wochen hinweg auf die Straßen gegangen, um ihren Unmut über die Entmachtung des ersten frei gewählten Präsidenten Ägyptens durch das Militär Ausdruck zu verleihen.

 

Mursi wurde bei den ersten freien Präsidentschaftswahlen Ägyptens im Juni 2012 zum Staatspräsidenten gewählt. Davor war Mursi Vorsitzender der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, einer Partei, die von der islamistischen Muslimbrüderschaft nach der Revolution 2011 gegründet worden war. Am 3. Juli 2013 wurde Mursi nach tagelangen Massenprotesten gegen seine Politik durch einen Militärputsch abgesetzt. Es kam zu gewaltsamen Ausschreitungen im ganzen Land.

 

Mittendrin: der in Ägypten geborene und aufgewachsene Fotojournalist Mahmoud Abu Seid, besser bekannt unter dem Künstlernamen Shawkan. Shawkan arbeitete für namenhafte internationale Medien, darunter das deutsche Magazin Focus und die Fotoagentur Demotix, die lange zu dem US-amerikanischen Medienunternehmen Corbis Images gehörte.

 

Demotix war überzeugter Vertreter des „Graswurzel-Journalismus“, einer Form des Journalismus, bei der die Zivilgesellschaft durch eigene Medien am gesellschaftlichen Diskurs teilnimmt. Demotix in seinen ursprünglichen Zügen existiert mitteleweile jedoch nicht mehr. Die Agentur bot unabhängigen Fotografen die Möglichkeit, ihre Fotografien direkt auf das Portal hochzuladen, so dass tagesaktuelle Bilder von Ereignissen und Geschehen sich rasant verbreiteten konnten. Demotix arbeitete mit über 30.000 professionellen, aber auch Amateurfotografen zusammen, die bis zu 60.000 Bilder pro Monat lieferten.  

 

Shawakan war (ist) ein leidenschaftlicher Fotojournalist, der mit seiner Kamera immer ganz nah am Geschehen sein wollte. Und er hatte ein politisches Bewusstsein, wollte aufklären, wollte gesellschaftliche Missstände aufzeigen, wollte etwas ändern, der Welt zeigen, wie die tatsächliche Situation in Ägypten war, fernab von der manipulativen, durch Propaganda geprägten Berichterstattung der staatlichen Medien.

 

Am 14. August 2013 fotografierte Shawkan die gewaltsame Auflösung des Protestcamps und wurde später am Abend von der Polizei festgenommen und inhaftiert. Die Vorwürfe lauteten: Mitgliedschaft in einer verbotenen Organisation, illegaler Waffenbesitz, Blockade einer öffentlichen Straße, sogar Mord wurde ihm vorgehalten. Für all diese Anschuldigungen existieren bis heute jedoch keinerlei Beweise.

 

Seitdem wird Shawkan ohne Prozess oder formelle Anklage festgehalten, in einem Hochsicherheitsgefängnis in Kairo. Seine Zelle teilt er sich mit eine duzend anderer Häftlinge, die Zustände sind katastrophal, menschenunwürdig und alles andere als akzeptabel. Hinzu kommt, dass Shawkan krank ist, er leidet an Blutarmut und Hepatitis C, bekommt im Gefängnis keine adäquate medizinische Behandlung. Auch der psychische Zustand des Fotografen verschlechtert sich von Tag zu Tag. Einmal pro Woche darf die Familie Shawkan besuchen, für 45 Minuten. Das ist nicht viel, aber zu mindestens ein kleiner Lichtblick.

 

Und Shawkan erfährt viel Unterstützung, Unterstützung von den zahlreichen, ausländischen Medien, für die er arbeitete. Und trotzdem: alle Beschwerden gegen seine willkürliche Inhaftierung wurden bis dato rigoros und konsequent abgewiesen. Sein Anwalt reichte den schriftlichen Arbeitsauftrag der Agentur Demotix ein, um seinen Klienten zu entlasten, jedoch ohne Erfolg.

 

Der Fall Shawkan ist kein Einzelfall: Derzeit sitzen weltweilt etwa 176 Journalisten wegen ihrer Arbeit im Gefängnis. Im April 2015 wurden drei Journalisten in Kairo zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, weitere sieben sind inhaftiert und gegen ein Dutzend Medienschaffender sind Verfahren anhängig.

 

Am 11. April 2015 wurden die Journalisten Abdullah al-Facharani, Samhi Mustafa und Mohamed al-Adli wegen angeblicher Verbreitung von Chaos und falscher Informationen zu lebenslanger Haft verurteilt. Außerdem wurden sie beschuldigt, an der Bildung einer „Kommandozentrale“ beteiligt gewesen zu sein mit dem Ziel, falsche Nachrichten sowie manipulierte Bilder von angeblichen Menschenrechtsverletzungen und Gewalt der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten im Ausland zu verbreiten. Ihre Absicht dahinter sollte die Destabilisierung der ägyptischen Regierung gewesen sein.

 

Facharani und Mustafa arbeiteten für das Bürgerjournalismusprojekt „Rassd“ und wurden dabei von der Deutschen Welle Akademie unterstützt. Im Jahr vor seiner Verhaftung, im Sommer 2012, besuchte Facharani im Rahmen einer Blogger-Tour, die vom Auswärtigen Amt organisiert wurde, Deutschland. Mohamed al-Adli wiederum war Journalist beim religiösen Fernsehsender Amgad TV.

 

Wer Kritik übt, lebt gefährlich. Kritische Journalisten werden mit dem Verweis auf Sicherheitsgründe und Anti-Terror-Gesetze systematisch verfolgt. Willkürliche Festnahmen, Gewalt und Folter sind an der Tagesordnung. Daher ergreifen viele Medien offen Partei für Armee und Regierung, nur wenige trauen sich, sich öffentlich gegen das System zu positionieren.

 

Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht Ägypten auf Platz 158 von insgesamt 180 Staaten und gehört somit zu den schwarzen Staaten, das heißt, zu den unfreiesten.

Drei Jahre nach seiner Inhaftierung begann der Prozess gegen Shawkan. Doch obwohl die Untersuchungshaft nach ägyptischen Recht auf zwei Jahre begrenzt ist, wurden die Verhandlungen immer wieder verschoben, bis heute über 40 Mal. Bein einem Schuldspruch könnte der gewaltlose politische Gefangene zu Tode verurteilt werden.

 

Kurz nach seiner Festnahme richteten Shawkans Freunde die Facebookseite „Freedom for Shawkan“ ein. Inzwischen kennt die ganze Welt seinen Fall, während dieser in der ägyptischen Öffentlichkeit weiter torgeschwiegen wird.

 

Doch dies sollte sich schnell ändern: Die UNESCO gab am diesjährigen Welttag der Pressefreiheit (3. Mai) bekannt, dass sie Shawkan mit ihrem Preis für Pressefreiheit, dem Guillermo-Cano-Preis, auszeichnen wolle. Daraufhin reagierte das ägyptische Außenministerium empört und gab eine Erklärung ab, in der es hieß, die UNESCO würde eine Person ehren, der Terrorakte vorgeworfen würde, inklusive Angriffe auf die Polizei, Zerstörung von öffentlichen Eigentums und sogar Mord. Die UNESCO stellte dem Ministerium daraufhin die Frage, warum Shawkan denn bei diesen Anklagepunkten nicht längst verurteilt worden sei, ohne jedoch eine Antwort zu erhalten. Mit dem Preis sollen Shawkans Mut, sein Widerstand sowie sein Eintreten für die Ausdrucksfreiheit gewürdigt werden.

 

Der Guillermo-Cano-Preis wird seit 1997 jährlich bei der zentralen Veranstaltung der UN-Kulturorganisation zum Welttag der Pressefreiheit in der ghanaischen Hauptstadt Accra verliehen.

 

Bleibt zu hoffen, dass der Druck auf dir ägyptische Regierung steigt, damit Shawkan freikommt. Denn nur in Freiheit kann er seiner journalistischen Arbeit weiter nachkommen. Und diese wird in unserer Welt dringend gebraucht.

 

 

Quellen: www.tagesschau.de, www.reporter-ohne-grenze.de, www.amnesty.org

Text: Sophie Martin

Fotos: pixabay

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