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Es ist Donnerstagvormittag, kurz nach halb zehn. Draußen fällt Regen, der Nebel verschluckt die Gebäude und ihre Silhouetten, grauer, trüber Himmel über Hamburg. Doch in der CityChurch in der Michaelispassage, nahe der S-Bahnhaltestelle Stadthausbrücke, ist es behaglich warm und trocken. Betritt man die Räumlichkeiten, kommt man direkt in das gemütliche Café, es ist seit etwa einer halben Stunde geöffnet, der Geruch von frisch gebrühten Kaffee liegt in der Luft. Noch ist es ruhig, die Deutschkurse haben gerade begonnen, bis auf einen Tisch rechst in der Ecke sind alle anderen frei. An den Wänden hängen Portraitfotografien der Fotografen Pierre Jarawan und Claudia Dewald. Sie passen gut in das Ambiente, zeigen Menschen der unterschiedlichsten Altersklassen, sowohl Kinder als auch die ältere Generation, alle aus Krisengebieten wie dem Irak, Syrien oder Afghanistan.

 

Nach zehn Minuten und einem starken, schwarzen Kaffee mit ein wenig Zucker, betritt Hans Andereya das Café, setzt sich an den hölzernen Tisch. Unser Ziel ist es, allen Menschen ein Zuhause zu sein, egal welcher Herkunft sie sind oder welcher sozialen Schicht sie angehören, erklärt der studierte Theologe. Hans ist Pastor in der City Church. Und gleichzeitig kommissarischer Leiter des why not? Cafés im Karolinenviertel. Viel Arbeit für den gebürtigen Chilenen. Unterstützt wird er dabei von seiner Frau Claudia. Claudia ist in der City Church für die Seelsorge zuständig, ein wichtiges Angebot, welches gefragt ist und gut angenommen wird. Bevor Hans 2006 nach Hamburg gekommen ist, arbeitete er als Pastor in Oberfranken. Jetzt betreut er in der City Church vor allem die Migrationsarbeit und den damit verbundenen Verwaltungsaufwand.

Hans ist Christ. Durch und durch. Mein Glaube ist mir sehr wichtig. Gott ist mir nah, Tag für Tag. Ich bin mir sicher, dass Gott für jeden von uns einen Weg, einen Plan hat. Nur gehen und umsetzen müssen wir diesen alleine. Ganz wichtig ist mir, an dieser Stelle zu betonen, dass jedoch keiner von uns alleine gelassen wird. Wir sind eine große Gemeinde, eine Familie. Bei uns ist jeder willkommen, wir grenzen niemanden aus, unsere Gemeinde ist für jeden zugänglich.

Hans kümmert sich vor allem um die Migranten aus Lateinamerika und dem spanischsprachigen Raum. Die Grundzüge dieser spanischen Gemeinde entstanden Ende der 90er Jahre, als eine ältere, in Deutschland geborenen Dame aus Peru wieder in ihre Heimat, die Hansestadt Hamburg, zurückkehrte. Und obwohl diese Frau, dessen Name Elizabeth Kayka lautet, sich schon im Rentenalter befand, konnte sie es nicht lassen, aktiv zu sein. Also ging sie raus auf die Straßen des Kiezes in der Umgebung der Reeperbahn, sprach dort mit Prostituierten, mit Frauen aus den sozialschwächeren Gesellschaftsschichten. Damit legte sie die Basis für die heutige, mittlerweile fest integrierte Frauenarbeit, und schuf ein Bewusstsein für die seelsorgerische Betreuung von Menschen aus solchen sozialen Randgruppen.

 

So kam es zur Gründung unserer spanischsprachigen Gemeinde, fährt Hans fort, nippt an seinem Kaffee, Ende 2007, Anfang 2008 wuchs diese Gemeinde mit rasanter Geschwindigkeit, wir hatten in unseren Gottesdiensten bis zu 250 Gäste. Doch die Migrationsströmungen ändern sich ebenfalls sehr schnell, die Anzahl der Gottesdienstbesucher hat wieder abgenommen, viele sind nach Lateinamerika zurückgekehrt, sodass wir heute auf etwa 100 Menschen kommen, die an den Gottesdiensten teilnehmen.

Hans zupft an seinem Hemdkragen, er ist leger gekleidet, Jeans, dazu ein grauer Pullover über dem hellen Hemd, schwarze Boots runden sein Outfit ab. Der moderne Look steht ihm gut, passt zur Location aus weißen, schlichten Tische und Stühlen, dazu ein graues Sofa im rechten Winkel zum Tresen. Für Hans ist es Zeit, seinen Gottesdienst vorzubereiten, er verlässt das Café, geht zurück in sein Büro, während sich Jennifer, mit einem Becher Kaffee in der Hand, dem Tisch nähert. Sie setzt sich, stellt ihren Becher ab, legt ihr Handy daneben sowie einen Collegeblock und einen Kugelschreiber.

 

Jennifer organisiert in der City Church unter anderem den Cafébetrieb. Die 38-jährige ist studierte Pädagogin, nun ist sie verantwortlich für die Dienstpläne, die Kaffeebestellungen, den reibungslosen Ablauf im Café. Ihr gefällt die Arbeit im christlich geprägten Umfeld. Angefangen hat sie im vor gut einem Jahr, im Januar 2016, als Ehrenamtliche. Seit dem vergangenen Oktober hat sie eine Festanstellung. Neben dem Café kümmere ich mich auch um unsere Deutschkurse. Derzeit bieten wir drei Kurse an, in jedem Kurs sind so um die 18 Schüler. Die Kurse fangen morgens um neun Uhr an, gehen dann bis 14 Uhr. Momentan arbeiten vier Lehrer in Festanstellung bei uns, eine fünfte Stelle ist geplant.

Inzwischen ist es Zeit für die erste Pause zwischen den Unterrichtseinheiten und das Café füllt sich langsamen mit Menschen. Sie bestellen Kaffee oder Tee, beides für nur jeweils 50 Cent, dazu ein belegtes Brötchen oder ein Croissant. Die Deutschkurse sind für die Flüchtlinge von großer Bedeutung, führt Jennifer weiter aus, denn Sprache ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration.

Dass das so ist, weiß auch Anwak Hamdosch. Mit einer Tasse dampfenden, grünem Tee hat er sich auf einen der freien Stühle gesetzt. Anwak kommt aus Aleppo, Syrien. In der durch Krieg und Terrorismus zerstörten Stadt im Norden des Landes, wurde es für Anwak und seine kleine Familie immer schwieriger, sicher und frei zu leben. Für ihn war es immer ein Traum, nach Deutschland zu kommen. Dieser ging schließlich vor eineinhalb Jahren in Erfüllung, nach einer dramatischen Flucht gelang es Anwak mit seiner Frau und seinem Sohn, in Deutschland Asyl gewährt zu bekommen.

 

In Aleppo ist kein sicheres Leben möglich. Hier in Deutschland, in Hamburg dagegen schon. Mein Sohn Delo kann hier in Sicherheit aufwachsen, das ist mir sehr wichtig.“ Ein Lächeln umspielt Anwaks Lippen, als er den Namen seines Sohnes erwähnt. Anwak hat in Syrien an der Universität Jura studiert, hat dann als Anwalt gearbeitet. Doch zwischen der Rechtslage in Syrien und der in Deutschland gibt es große Unterschiede. Die juristischen Grundlagen in Syrien sind ganz anders als die hier in Deutschland. Ich mache mir da auch keine Illusionen, ich werde in Hamburg wohl nicht als Anwalt, als Jurist arbeiten können.“ Und trotzdem hat Anwak große Pläne. Mein Ziel ist es, erstmal die deutsche Sprache zu lernen. Danach kann ich mir gut vorstellen, beispielsweise als Dolmetscher für die kurdische Sprache tätig zu werden.“ Anwak trinkt seinen Tee aus, dann ist es für ihn an der Zeit, zurück zu seinem Unterricht zu gehen.

Das Café leert sich nach und nach. Ruhe kehrt ein. Sie lässt die stille, unaufdringliche Präsenz von Gott erahnen. Ein Gott, der über alles wacht. Auch hier in der City Church in Hamburg.

 

Text: Sophie Martin Fotos: David Torres

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