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Ardalan Razavieh ist zweiter Vorsitzender des Hamburger Kulturverein Diwan, der sich für Deutsch-Iranische Begegnungen stark macht. In dem folgenden Gespräch erzählt Ardalan Razavieh von den Besonderheiten der iranischen Kultur, von Musik, Literatur und der persischen Filmszene. Er gibt Einblicke in das alltägliche Leben im Iran, thematisiert die Situation der Frauen und erklärt, warum der Islam so wichtig für die Iraner ist.

Stellen Sie sich doch einmal kurz vor!

„Mein Name ist Ardalan Razavieh und ich bin jetzt seit zehn Jahren in Deutschland. Ich bin studierter Bauingenieur aus dem Iran, habe in diesem Beruf auch einige Zeit sowohl im Iran als auch hier in Deutschland gearbeitet. Zurzeit beschäftige ich mich ehrenamtlich viel mit Kunst und Kultur, habe mich der Malerei und der Holzschnitzerei gewidmet und später auch Innenarchitektur studiert.“

Warum sind Sie nach Hamburg gekommen?

„Ich wollte mehr von der Welt sehen, etwas Neues erleben. Mein Vater hat lange Zeit in Deutschland gelebt, er hat mir viel von diesem Land erzählt, ich war neugierig, wollte Deutschland ebenfalls kennenlernen. Also kam ich 2007 nach Hamburg, habe an der TU meinen Master gemacht und danach auch Arbeit gefunden. So bin ich geblieben.“

Sie arbeiten für den Hamburger Verein Diwan. Mögen Sie einmal dessen Philosophie zusammenfassen?

„Dieser Verein wurde vor fünf Jahren hier in Hamburg gegründet, die Idee kommt ursprünglich aus Köln. Er soll als Plattform für Menschen mit iranischen Wurzeln in Deutschland dienen, aber auch Deutschen, die den Iran und die iranische Kultur näher kennenlernen wollen, die Möglichkeit hierfür geben. Der Verein besteht aus ganz unterschiedlichen Menschen, es gibt bei uns Ingenieure, Journalisten und Medienschaffende aber auch Künstler und Ärzte. Ganz wichtig ist, dass unser Verein sowohl konfessionslos als auch unpolitisch ist. Diwan äußert sich nicht zu politischen Themen, wir repräsentieren ausschließlich die iranische Kultur. Diwan ist also in aller erster Linie ein Kulturverein, ein Kulturverein, der als Brücke zwischen den Kulturen dienen soll und der sich für die Integration der Iraner in die deutsche Kultur stark macht. Denn wir sind der Meinung, dass Integration kein einseitiger Prozess ist, sie ist keine Einbahnstraße, sondern immer eine Interaktion zweier Beteiligter. Diwan setzt sich dafür ein, dass sich beide Seiten besser kennenlernen können.“

Was für Events bietet Ihr Verein an?

„Wir machen zum Beispiel öfter Lesungen von Deutschen, die in den Iran gereist sind und später ihre Erfahrungen und Erlebnisse niedergeschrieben haben. Letztens hatten wir Charlotte Wiedemann zu Gast. Sie hat aus ihrem aktuellen Buch Der neue Iran gelesen. In dem Buch beschreibt sie die Entwicklung der politischen Szene im Iran. Ein anderes Mal hat Stephan Orth seinen Roman Couchsurfing im Iran vorgestellt. Andererseits veranstalten wir z.B. Musikfestivals, regelmäßig das iranische Neujahrfest „Nowrous“ und viele Workshops zu kulturellen und gesellschaftlichen Themen oder wir unterstützen junge und talentierte Autoren und Künstlern, sich zu präsentieren. Wir haben bis jetzt mit kulturellen Institutionen in Hamburg wie der Elbphilharmonie kooperieren dürfen.“

 Was ist typisch für die iranische Kultur?

„Ganz wichtig ist es, an dieser Stelle erst einmal zu betonen, dass der Iran ein Land ist, in dem sehr viele verschiedene ethnische Völker leben. Da sind im Westen die Kurden, die Aserbaidschanern und Türken, im restlichen Teil leben Perser, Turkmenen, Araber, Tadschiken und Balutschen. Blickt man auf die Geschichte des Landes zurück, so wurde es von verschiedensten Völkern erobert, zuerst von den Römern, später von den Arabern und den Mongolen und nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Iran teilweise von Großbritannien und der Sowjetunion dominiert. Es sind also viele verschiedene Einflüsse, die die persische Kultur bis heute prägen. Dadurch gibt es eine unglaublich bunte, kulturelle Vielfalt im Iran. Was auffällt, ist - gerade in der letzten Zeit-, dass die viele, vor allem junge Iraner eine recht liberale Haltung einnehmen.“

Wie muss man sich diese liberale Haltung vorstellen?

„Der Islam ist eine Religion, die nicht nur praktisch Tag für Tag zum Beispiel in einer Moschee ausgeübt wird, nein, sie ist Teil der Identität der Menschen. Und in dieser Religion gibt es Regelungen für kleinste Begebenheiten und Details. Zum Beispiel betet ein gläubiger Moslem fünfmal am Tag und er trinkt keinen Alkohol. Es gibt klare Regeln zum Heiraten, sich Scheidenlassen, zum Erbe und sogar dazu, wie man sich zu bekleiden hat insbesondere für die Frauen. Doch gerade viele Iraner der jüngeren Generation sehen dies lockerer, sie trinken auch mal Alkohol oder beten halt nicht fünfmal am Tag oder sogar gar nicht, obwohl sie gläubig sind und sich als Moslems bezeichnen. Es gibt natürlich auch viele, die streng an den Islam glauben und diesen stark vertreten. Doch diese Liberalität ist es, die den Iran von anderen islamischen Ländern unterscheidet. Die eben erwähnte islamische Identität ist für die genannten jungen Iraner weniger wichtig, sie sind zwar auch religiös, aber eben nicht so streng wie vielleicht ihre Eltern und Großeltern.“

Islam und Demokratie passt das Ihrer Meinung nach zusammen?

„Das ist schwierig zu sagen, denn diese Thematik ist sehr komplex. Wenn wir vom Islam sprechen, dann müssen erstmal genau wissen, wie die Leute im Islam überhaupt denken und was für sie wichtig ist. Demokratie ist ein Produkt des Westens. Natürlich ist sie etwas sehr Wertvolles und Erstrebenswertes. Hier in Deutschland leben wir in Demokratie und damit bin auch ich natürlich sehr zufrieden. Im Iran oder auch in anderen islamischen Ländern ist das anders. Zwar machen sich die Leute dort auch Gedanken über Demokratie, aber auf einer anderen Ebene. In der Vergangenheit gab es immer wieder Versuche, demokratische Strukturen in der arabischen Welt aufzubauen. Darüber herrschen zwei Meinungen: Manche vertreten die Auffassung, dass Demokratie eine globale Sache sei, die überall, in allen Staaten der Welt, eingesetzt werden sollte. Die andere Seite ist der Meinung, dass Demokratie angepasst werden müsse, dass sie zur Kultur des Iran passen müsse. In der Realität gestaltet sich dies jedoch sehr schwierig, es müsste erstmal eine Schnittstelle gefunden werden, damit die verschiedenen Parteien, die Vertreter der Demokratie und die des Islams, miteinander kommunizieren können.“

Wie ist die aktuelle Situation der Frauen im Iran?

„Vor der Revolution konnten sich die Frauen frei im Iran bewegen, sie mussten sich nicht verschleiern, konnten sich ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit zeigen. Diejenigen, die sehr religiös waren, haben das Kopftuch getragen, es war aber freiwillig, kein Zwang. Die anderen Frauen haben sich normal gekleidet. Nach der islamischen Revolution trat ein islamisches System in Kraft, die Scharia. Von nun an war die Verschleierung Pflicht. Seit der Revolution hat sich im Iran jedoch viel geändert, die Frauen versuchen, ein Stück Freiheit für sich zu gewinnen. Sie machen zum Beispiel tolle Kleidung, sind sehr modebewusst und tragen bunte Klamotten. Und Make Up und Schminke spielen eine wichtige Rolle für junge Iranerinnen. Sie können ja nur einen kleinen Teil ihres Gesichtes zeigen, also schminken sie diesen stark. Außerdem sind die Frauen sehr stark in der iranischen Gesellschaft aktiv. Knapp 60% der Studierenden und Akademiker im Iran sind Frauen.“

In den 60er Jahren kam es unter Schah Mohammed Reza zunächst zu einer klaren Annäherung an westliche Werte und Ideale. Was denken Sie warum konnten sich diese nicht etablieren, so dass es schlussendlich zum Ausbruch der Islamischen Revolution kam?

„Dies liegt vor allem daran, dass islamische und aber auch iranische Werte tief im Bewusstsein der iranischen Bevölkerung verankert sind. Nun ist es aber auch so, dass der Kontakt zum Westen nicht erst unter Schah Mohammed Reza stattfand, sondern schon viel, viel früher. Etwa um 1480 oder sogar noch früher kam es zu Geschäften mit Portugal und England. Fakt ist außerdem, dass z.B. der Nasseraldin Schah Ghadjar begeistert von Frankreich gewesen ist, er hat zweimal die französische Hauptstadt Paris besucht und wollte Teheran und den Iran auch so gestalten, obwohl das Land zu diesem Zeitpunkt stark konservativ war. Er war selber auch großer Fan der Fotografie. In der Zeit von Pahlavies war der Iran sehr stark mit dem Westen verbunden und westliche Werte haben die iranische Gesellschaft und sogar die Künstlerszene beeinflusst, deren Effekte können wir heute immer noch erkennen. Nach der islamischen Revolution wurde die Gesellschaft zwar durch islamische Werte dominiert, aber die integrierten westliche Werte sind immer noch geblieben. Die iranische Kultur ist heute eine Mischung aus iranischen, islamischen und aber auch westlichen Werten. Und durch das Internet und die sozialen Medien passiert heute der Austausch der kulturellen Werte sehr viel schneller als früher.“

Wie empfinden Sie die deutsche Kultur?

„Mein Vater hat ja auch in Deutschland studiert, er war insgesamt 15 Jahre hier. Als er zurück in den Iran gegangen ist, kam es gerade zum Ausbruch der Islamischen Revolution. Ich hatte während meiner gesamten Kindheit immer viel von Deutschland gehört, wie die Leute dort leben und arbeiten. Später war mir sofort klar, dass ich dieses Land selber bereisen möchte. Dadurch, dass mein Vater mir so viel von Deutschland erzählt hat, war der Kulturschock nicht ganz so groß. Die deutsche Kultur entscheidet sich jedoch schon sehr von der iranischen.“

Was sind denn die größten kulturellen Unterschiede?

„Das Verantwortungsbewusstsein der Menschen ist anders, in Deutschland ist dies stärker ausgeprägt. Und die Menschen sind viel, viel pünktlicher und strukturierter in ihren Gedanken. Die Mentalität der Iraner ist eine andere, sie haben eine andere Vorstellung, eine andere Auffassung von Zeit. Dies liegt vielleicht an der Infrastruktur, die im Iran nicht so gut ausgeprägt ist wie hier in Deutschland, man kann sich daher nicht auf die Pünktlichkeit von Bus und Bahn verlassen. Und für die Iraner sind ihre Familien sehr, sehr wichtig. In Deutschland ist das nicht so, man lebt hier irgendwie anonymer. Die Iraner sind sehr warmherzig und übertrieben höflich, wenn ich ehrlich sein darf. Sie bedienen zum Beispiel ihre Gäste wie ein König.“

Was für Musik hört man im Iran?

„Der Iran hat eine sehr reiche, sehr vielfältige Künstlerszene. Sie macht den Iran so besonders, unterscheidet ihn von anderen Ländern. Jedes Volk im Iran hat seine eigene Musik, die Kurden, Aserbaidschaner, Perser usw. Die traditionelle Musik im Iran ist sehr speziell, ähnelt aber der Musik aus der Türkei und Aserbaidschan. Sie ist sehr vielfältig, folgt aber immer einer bestimmten Struktur. Oft ist sie melancholisch und romantisch. Es ist eine Mischung aus Volksmusik. Etwa 90 Prozent der Iraner mögen und hören diese Musik. Aber selbstverständlich gibt es westliche Einflüsse und auch westliche Musik wird im Iran gehört. Es gibt auch iranische Popmusik mit westlichen Komponenten. Momentan ist zum Beispiel Rap und Alternatives im Iran sehr angesagt, es gibt Künstler, die Jazzelemente mit klassischer iranischer Volksmusik mischen. Und auch die iranische Rap Szene wird immer bekannter.“

Können Sie die iranische Literaturszene beschreiben?

„Die alte Literatur im Iran ist sehr poetisch, es gibt viel Lyrik und eher wenig Prosa. Der Großteil der persischen Literatur beschäftigt sich mit der Liebe, alles ist sehr romantisch, ähnlich wie die persische Musik. Aber auch die Beziehung zu Gott wird thematisiert. Einige Lyriker kritisieren auch die soziale und politische Situation.  In unserer modernen Zeit ist aber vieles anderes. Es werden viele westliche Bücher übersetzt und gelesen. Die neue Literatur im Iran ist genauso vielfältig und bunt wie hier in Deutschland. Natürlich gibt es rote Linien und starke Zensur. Da muss man allerdings vorsichtig sein. Es gibt auch international bekannte Schriftsteller wie Mahmoud Dolatabadi oder Fariba Vafi, deren Werke sogar hier in Deutschland ziemlich berühmt sind.“

Neben Musik und Literatur gehört auch der Film zur Kultur. Wie ist die Situation im Iran?

„Es gibt im Iran – ähnlich wie im Westen- unterschiedliche Filmgenres wie Liebesgeschichten oder Thriller. Natürlich ist die Produktion im Land nicht so stark ausgeprägt wie in Hollywood oder auch hier in Deutschland. Aber die iranische Filmszene wird durchaus gefördert, gerade aktuell ist sie sehr lebendig, sehr dynamisch. Im Iran gibt es unglaublich viele gute Schauspieler und bekannte Regisseure wie zum Beispiel Asghar Farhadi, der dieses Jahr mit dem Oskar nominiert wurde. Aber auch hier wird stark zensiert.“

Das Interview führte Sophie Martin            Foto: privat

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