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Der studierte Theologe Markus Endlich arbeitet als Pastor in der City Church Hamburg. Sophie Martin traf ihn zum Interview und sprach mit ihm über die Bedeutung des Begriffes Frieden, über die Relation von Frieden und Religion und die Praktizierung von Frieden im alltäglichen Leben.

Sie sind studierter Theologe. Sind Sie auch überzeugter Pazifist?

„Das ist eine Schwierige Frage, die sich nicht eindeutig beantworten lässt. Natürlich ist mir Frieden wichtig. Ich selber habe vor Jahren beispielsweise den Kriegsdienst verweigert. Aber im Laufe meines Lebens habe ich erkannt, dass es unterschiedliche Faktoren gibt, die eine Rolle spielen, die meine Einstellung zum Frieden beeinflussen.“

Was sind das für Faktoren?

„Wir leben in einer gefallenen Welt, in einer Welt, in der Gewalt Realität ist. Die Überwindung dieser Gewalt ist ein wesentlicher Faktor. Sie hängt, davon bin ich überzeugt, mit der Beziehung zu Gott zusammen. Und es gibt eine Ordnung, eine Ordnung, die aufrechterhalten werden muss.“

Wie sieht diese Ordnung aus?

„Also, in der Bibel wird gelehrt, dass die Sündhaftigkeit des Menschen dazu führt, dass der Mensch in Unfrieden lebt. In Unfrieden mit seinen Mitmenschen, aber auch in Unfrieden mit sich selbst. Es gibt eine Ordnung, die einen Rahmen für den Frieden schafft. Die Sündhaftigkeit des Menschen muss begrenzt, muss überwunden werden. Dann gelingt es, die Ordnung aufrechtzuhalten.“

Das deutsche Wort Frieden leitet sich von dem althochdeutschen Begriff Fridu ab. Fridu bedeutet so viel wie Freundschaft. Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen beiden Begrifflichkeiten?

„Ja, da gibt es definitiv einen Zusammenhang. Ich würde sagen, dass der Begriff Frieden aus christlicher Perspektive heraus betrachtet, vor allem ein Beziehungsbegriff ist. Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern hat auch etwas damit zu tun, dass wir in einem gesunden, in einem friedfertigen und freundschaftlichen Verhältnis mit unseren Mitmenschen leben. Schauen wir uns diesen Aspekt vom christlichen, biblischen Blickwinkel heraus an, so hat er auch immer etwas zu tun mit der Beziehung zu Gott. Meiner Meinung nach besteht das Grundproblem des Menschen darin, dass er sich von Gott abgewandt hat und er nicht in Frieden mit Gott lebt.“

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In der christlichen Religion bedeutet der Begriff Friede auch die Geborgenheit in Gott. Was bedeutet dies konkret?

„Wenn die Grundthese stimmt, dass das Grundproblem des Menschen ist, dass er in einer gestörten Beziehung zu Gott lebt, dann ist eigentlich die Überwindung dieser Dissonanz die Grundlage für ein friedvolles Miteinander. Die Geborgenheit in Gott ist es, die wir Christen anstreben. Nur so können wir Frieden in unseren Alltag integrieren.“

Lehrt die Bibel Frieden?

„Die Bibel lehrt auch Frieden, ja, auf jeden Fall. Aber vor allem zeigt sie uns, dass Frieden ein wertvolles Geschenk ist, womit wir Menschen sehr behutsam umgehen müssen, was jedoch oft nicht gelingt. Friede als Geschenk Gotte hat natürlich auch unmittelbare Auswirkungen auf unser alltägliches Leben, auf unser Miteinander.“

Welche Bedeutung hat Frieden speziell für Christen?

„Wie schon gesagt, Frieden ist erst einmal ein Geschenk, ein sehr wertvolles Geschenk. Frieden bedeutet, dass die Beziehung zu Gott bereinigt ist. Alle, die Frieden geschenkt bekommen, sind demnach aufgefordert, Frieden zu leben, mit ihren Mitmenschen, in ihrem Alltag. Dass Sie dabei immer wieder scheitern, ist jedoch auch klar.“

Was sind die Gründe für dieses Scheitern?

„Ich würde sagen, je mehr Menschen verstanden haben, dass Frieden ein Geschenk Gottes ist, desto mehr kann Frieden umgesetzt werden. Dieses Verständnis fehlt jedoch vielen, sie sind sich dessen nicht bewusst, leider. Ein weiteres Manko sehe ich in dem Zwischenmenschlichen. Deswegen scheitert der Versuch, Frieden zu etablieren, immer wieder.“

Die Idee des Weltfriedens gilt als Utopie. Unter welchen Bedingungen wäre dies Ihrer Meinung nach doch machbar?

„Wenn man sich anschaut, wie viele verschiedene Ansätze es gibt, diesen Weltfrieden durchzusetzen, sowohl religiöse als auch nichtreligiöse, so erkennt man schnell, dass alle Versuche immer wieder scheitern. Das liegt ganz klar am Menschen selber.“

Liegt es demnach in der Natur des Menschen, Kriege zu führen?

„Da muss man differenzieren. Eigentlich ist der Mensch zum Frieden berufen, geht dann aber doch oft einen Weg des Unfriedens. Es ist also paradox, widersprüchlich.“

Frieden herrscht dort, wo Menschenrechte eingehalten werden. Stimmen Sie dem zu?

„Ja, ich würde sagen, schon. Ich glaube aber, dass es eigentlich um mehr geht, als nur um Menschenrechte. Interessanterweise führen ja auch aufgeklärte Philosophien nicht immer unbedingt zum Frieden. Schaut man sich beispielsweise die Französische Revolution an, deren Grundwerte Freiheit, Einheit und Brüderlichkeit waren, erkennt man schnell, dass diese in bloßer Gewalt endete, in bloßen Unfrieden. Es braucht also noch etwas anderes, um Frieden zu erreichen.“

Was könnte das sein?

„Ich bin davon überzeugt, dass es ein verändertes Herz benötigt.“

Was meinen Sie damit?

„Der Mensch im Kern braucht eine Veränderung. Ich glaube nämlich, dass wir Menschen noch gar nicht dazu in der Lage sind, Frieden zu leben, denn wir können diese Veränderung erst dann erleben, wenn wir die bedingungslose Liebe Gottes erfahren haben. Diese Liebe muss in unserem Herzen getragen werden.“

Eines der obersten Ziele der Vereinten Nationen ist die Durchsetzung von Frieden weltweit. Wie beurteilen Sie dieses Vorhaben?

„Als absolut positiv natürlich! Ich finde auch, dass wir in vielen Bereichen auch deutliche Fortschritte gemacht haben. Hier möchte ich zum Beispiel gerne die Europäische Union anführen, die im Grunde genommen ja quasi den Krieg beendet hat, dadurch, dass eine starke, nach Frieden strebende Gemeinschaft gegründet wurde. Diese Prinzipien, diese Bemühungen sollten auf jeden Fall weiter fortgeführt werden.“

Derzeit gibt es so viele Krisenherde wie nie auf der Welt. Was glauben Sie warum ist es gerade im Nahen und Mittleren Osten sowie auf dem afrikanischen Kontinent so schwer, Frieden zu etablieren?

„Wenn ich auf diese Frage eine Antwort wüsste, würde mir wahrscheinlich der Friedensnobelpreis verliehen werden. Man kann natürlich ideologische und religiöse Einflüsse anführen, die auch ohne Zweifle da sind. Ich persönlich finde es eklatant wichtig, dass darüber gesprochen wird, dass es eine öffentliche Diskussion gibt, dass wir nicht schweigen.“

Was halten Sie von dem Ansatz, dass jeder Mensch zuerst mit sich selbst zufrieden sein muss, damit es überhaupt Frieden geben kann?

„Das ist eine sehr individualistische Sicht auf die Dinge, man bezieht alles auf sich selber. Ich vermute, dass damit gemeint ist, zu meiner Persönlichkeit, zu meiner Geschichte, meiner Vergangenheit, ein positives Verhältnis zu schaffen. Dies ist sicherlich etwas sehr Gutes. Doch auch hier bin ich davon überzeugt, dass die gestörte Beziehung zu Gott, der Punkt ist, an dem zuerst gearbeitet, an dem zuerst angesetzt werden muss.“

Wie kann sich der Einzelne für Frieden stark machen?

„Ich glaube, dass Frieden tatsächlich in der Begegnung mit meinen Mitmenschen beginnt, mit meinen Nachbarn, meiner Familie, meinen Freunden. Genau hier sind wir aufgefordert, Frieden zu leben. Von dort ausgehend, ziehen unsere Bemühungen immer weitere Kreise in unserer Gesellschaft. Es ist der liebevolle, nachsichtige Umgang mit unserer zwischenmenschlichen Umwelt, in dem jeder Frieden praktizieren, Frieden leben und Frieden sichtbar machen kann und muss.“

Wie praktizieren Sie Frieden in Ihrem Alltag?

„Genauso wie eben erklärt. Ich gehe friedfertig mit meinen Mitmenschen, meiner Familien, meinen Freunden um. Oft gelingt es mir, manchmal gerate ich aber auch an meine Grenzen. Aber ich bin dankbar, dass ich mit Menschen zusammenleben darf, die ganz viel Liebe, ganz viel Frieden in sich tragen.“

Das Interview führte Sophie Martin.
Fotos: Thorsten Wenning

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