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Um die aktuelle Situation in Syrien zu verstehen, muss man sich intensiv mit der Geschichte des Landes auseinandersetzten. In diesem ausführlichen Gespräch erklärt der stellvertretende Vorsitzende der Freien Deutsch-Syrischen Gesellschaft Hamburg, Dr. Hassan Ied, die politischen und historischen Zusammenhänge in Syrien. Er beschreibt einen besorgniserregenden und alarmierenden Zustand in seinem Heimatland, in dem die Gewalt einfach nicht enden will.

Mögen Sie sich bitte einmal kurz vorstellen!

„Ich komme aus der Stadt Damaskus, bin jetzt seit über 40 Jahren in Deutschland, habe hier Medizin studiert und Jahrzehnte lang als Arzt gearbeitet. Seit zwei Jahren bin ich zwar offiziell Rentner, bin aber immer noch in meinem Beruf tätig. Im Jahr 2012 habe ich zusammen mit anderen Syrern eine Hilfsorganisation gegründet, die Freie Deutsch – Syrische Gesellschaft. Darüber hinaus arbeite ich für die Freie und Hansestadt Hamburg und habe im Rahmen dieser Tätigkeit Seminare zur aktuellen Lage in Syrien gehalten.“

Wann waren Sie zuletzt in Syrien?

„Ich war zuletzt im Oktober 2010 offiziell in Syrien, um dort Verwandte zu besuchen. Ich habe in Damaskus eine Wohnung für mich und meine Familie gekauft, diese Wohnung soll als eine Brücke zu meinen Verwandten dienen. Wenn ich häufiger nach Syrien fahre, dann habe ich einen Platz, an dem ich unterkommen kann. Und es ist ein Ort, an dem meine Freude und Verwandte zu Besuch kommen können.  Außerdem hätte ich dort gerne eine Praxis eröffnet, um diejenigen medizinisch zu versorgen, die sich normalerweise keinen Arzt leisten können. Es war mein Ziel, mich um sozialschwache Menschen in meiner Heimat zu kümmern.“

Wie haben Sie 2010 die Stimmung in Syrien wahrgenommen?

„Die Stimmung war schon damals, also vor dem Arabischen Frühling, sehr angespannt. Wir hatten immer Angst vor dem Geheimdienst, konnten uns nicht frei bewegen, waren auf der Hut, waren sehr vorsichtig.“

Welche Arbeitsschwerpunkte setzt Ihr Verein, die Freie Deutsch Syrische Gesellschaft?

„Ursprünglich haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, humanitäre Hilfe für Menschen in Syrien, aber auch in den angrenzenden Staaten zu leisten. Mit Beginn des Jahres 2013 haben wir hier in Hamburg die ersten syrischen Flüchtlinge begrüßt und haben dann begonnen, uns um sie zu kümmern. Unter anderem haben wir Beratungen angeboten, um ganz grundlegende Dinge im Alltag zu erklären.  Z. B wo ein Arzt zu finden ist oder welche Behörde zuständig ist. Zusätzlich haben wir darüber informiert, was für Vorschriften (z. B in Bezug auf die Straßenverkehrsordnung, Versicherung oder Vermietung) hier in Deutschland gelten.  Viele der Flüchtlinge sind von ihrer Flucht sowohl physisch als auch psychisch sehr mitgenommen, sie benötigen medizinische Versorgung und Medikamente. Ich persönlich hatte im Kofferraum meines Autos immer Medikamenten, wie Antibiotika, Schmerztabletten, Bluthochdruck-  und Asthmamittel. So bin ich dann zu den Unterkünften gefahren und habe meine Landsleute beraten und mit Medikamenten versorgt, später habe ich mich an der medizinischen Versorgung aller Flüchtlinge  in der Unterkunft  Schnackenburgsallee beteiligt.“

Welche Angebote bietet der Verein noch?

„Es gibt Informationsveranstaltungen, in denen den Flüchtlingen erst einmal erzählt wird, wie das Leben in Deutschland überhaupt ist, was also auf sie zukommt. Zusätzlich leisteten wir ganz praktische Hilfe, sammelten Kleiderspenden, Spielzeug, Kinderwagen oder Fahrräder  u.a. und verteilten diese Spenden an bedürftige Familien. Die Spendenbereitschaft der Hamburger war lobenswert groß.

Der Verein will die Kommunikation sowie die Interaktion zwischen Deutschen und Syrern fördern. Wie wird dies in der Praxis umgesetzt?

„Das geschieht vor allem über unsere Informationsveranstaltungen. Wir berichten zum Beispiel über das Leben in Syrien vor und nach der Revolution, aber auch über Alltagsprobleme der Flüchtlinge hier in Deutschland. Wir erklären, was für kulturelle Unterschiede es gibt. Wie leben die Syrer, wie die Deutschen? Warum tragen einige Frauen ein Kopftuch und andere wiederum nicht? Also vermitteln wir viele Hintergrundinformationen. Wir wollen dadurch Vorurteile abbauen und uns für Integration unserer neuen Landsleuten stark machen. Darüber hinaus vermitteln wir Patenschaften! Deutsche begleiten Syrer im Alltag, helfen zum Beispiel bei Behördengängen oder beim Arztbesuch. Die Freizeit wird gemeinsam gestaltet, man kocht zusammen oder macht einen Ausflug. Diese Art von unmittelbarer Hilfe ist sehr gut angekommen. Inzwischen arbeiten wir mit sehr vielen Flüchtlingsinitiativen und Hilfsvereinen zusammen, wir sind ein großes Netzwerk geworden.“

Man sagt, dass Syrien als kulturelle Wiege der Menschheit gilt. Können Sie diese Aussage näher erläutern?

„Das sagt man zu Recht so. In Syrien wurde zum Beispiel das Alphabet -die Buchstaben-  erfunden. Auch die ersten Gesetze haben ihren Ursprung in Syrien. Auf weichen Tonplatten wurden Schriften und Gesetzte eingeritzt und getrocknet.  Wenn man von Syrien spricht, dann meint man auch die sogenannten Länder der Levante (Belad Alscham), also den Libanon, Palästina/Israel, Jordanien und große Teil des Irak. Hier sind alle Religionen vertreten und es gibt auch eine unglaubliche, sprachliche Vielfalt. Religion und Sprache sind bekanntermaßen Teil der Kultur. Syrien mit seinen heutigen Grenzen existierte so früher nicht. Erst als das Osmanische Reich zusammenbrach, wurde das Gebiet der Levante in die o. g Länder unterteilt. Die verschieden sowohl sprachlichen als auch religiösen Einflüsse sind in Syrien sehr wohl heute noch zu spüren. Diese Vielfalt war eine Bereicherung und niemals Ursache für soziale Spannung.

Anfang des 8. Jahrhunderts gewann der Islam in Syrien immer mehr an Einfluss. Was unterscheidet den frühen Islam von dem heutigen Islam?

„Im Islam selber gibt es eigentlich gar keinen Unterschied zwischen damals und jetzt. Aber der sogenannte politisch orientierte Islam, der ist neu. Und er ist die Ursache vieler Probleme. Mit Beginn des arabischen Frühlings wurde der Islam knallhart politisch instrumentalisiert. Dieses Vorgehen ist äußerst gefährlich, so etwas gab es früher nicht. Der erste Staat - der die Religion politisch ausgenutzt hat- war die USA, indem sie -als Russland Afghanistan  eingenommen hat -  den  Dschihad gegen Russland  stark gefördert haben, mit der Begründung, dass die Russen als Atheisten  dort den Islam und Muslime bekämpften. Seitdem haben wir eine Art bewaffneten Kampf der radikalen Islamisten gegen sog. Ungläubige mit all seinen Folgen.

Ende des 1. Weltkrieges wurde Syrien unter französische Vorherrschaft gestellt. Was ist davon heute noch zu spüren? Und wie ist das aktuelle syrisch-französische Verhältnis?

„Die Franzosen haben natürlich als Kolonialmacht versucht, Syrien so zu formen, dass es zu Frankreichs Zielen passte. In Algerien ist ihnen dies auch teilweise gelungen, in Syrien jedoch nicht. Sehr früh nachdem Frankreich in Syrien einmarschiert war, gab es blutige Kämpfe, das syrische Volk hat sich gegen die Franzosen aufgelehnt. 1925 wurde Damaskus von der französischen Luftwaffe bombardiert, die Bombardements dauerten drei Tage und ein Großteil Damaskus  wurde zerstört. Doch Frankreichs Versuch, mehr Einfluss in Syrien zu nehmen, scheiterte. Das aktuelle syrisch-französische Verhältnis ist sehr angespannt, weil Frankreich die Forderung der Opposition unterstützt.

1946 wurde Syrien schließlich unabhängig von Frankreich (17.April). Wie sah das Land nach dieser Unabhängigkeit aus?

„Frankreich hatte Syrien in drei Zonen aufgeteilt, nach der Unabhängigkeit haben sich diese drei Zonen wiedervereinigt. Betrachtet man die syrische Freiheitsflagge, dann symbolisieren die drei roten Sterne diese drei Gebiete. Tatsächlich haben wir nach der Unabhängigkeit eine Demokratie aufbauen können. Es gab also freie Wahlen, freie Parteien, es gab sogar die fünf-Prozent-Klausel. Und wir hatten Gewaltenteilung. Also eine richtige Demokratie.“

Was ist dann passiert, dass diese demokratischen Strukturen wieder aufgelöst wurden?

„Syrien wurde nach der Machtübernahme durch das Militär und unter dem Deckmantel der arabischen Einheit wieder entdemokratisiert.  Der Einfluss der Offiziere auf die Politik war sehr groß, Militärgesetze und Machtübernahme durch den Putsch ließen keinen Platz für Demokratie.“

1958 schlossen sich Syrien und Ägypten zur Vereinigten Arabischen Republik zusammen. Welche Auswirkungen hatte dieser Zusammenschluss für Syrien? Und was ist davon heute noch zu spüren?

„Nasser, der ägyptische Präsident, war ein Arabist und ein Held innerhalb der arabischen Welt. Sein Ziel war es, die arabischen Länder zu einer Großmacht zu vereinigen. Nasser selber war in Ägypten durch einen Putsch an die Macht gekommen und nun hatte in Ägypten das Militär erstmals die komplette Macht. 1958 kam es dann schließlich zum Zusammenschluss der Vereinigten Arabischen Republik. Für Syrien hatte dies zur Folge, dass das demokratische System, welches nach der Unabhängigkeit errichtet worden war, wieder ausgehebelt wurde. 1961 wurde die Vereinigung mit Ägypten wieder rückgängig gemacht. Die sog.  Separatisten wollten einen syrischen Nationalstaat gründen.“

Wie kam Hafiz al- Assad an die Macht?

„Am 8. März 1963 kam es zu einem Putsch in Syrien, dadurch übernahm die Baath Partei die Macht, vorher war Assad Offizier, hatte kaum Einfluss. Nach dem Putsch zeichnete sich zunehmend eine Militärdiktatur ab. Von 1963 bis 1967 gab es viele Putschversuche, die nicht alle erfolgreich waren. Jedem Putsch fielen viele Offiziere zum Opfer. Assad manövrierte sich dadurch immer weiter nach oben, er war 1967 Verteidigungsminister.  1969 gelang Hafiz Al Assad durch die sogenannte Korrektur-Revolution die Macht  an sich zu reißen. Während dieser Revolution ließ Assad sämtliche Kritiker inhaftieren oder töten. Sein Vorgehen hierbei war mehr als skrupellos. Seine eigenen Weggefährten ließ er liquidieren oder in Gefängnissen sterben.“

Was können Sie über das syrisch israelische Verhältnis sagen?

„Israel wurde 1948 gegründet. Seitdem gab es auch das Bestreben durch diverse arabische Staaten, Israel wieder abzuschaffen und Palästina zu befreien. Palästina sollte von den Zionisten befreit werden. Vor dieser Forderung muss man sagen, dass die Juden bei uns in Syrien ganz normal gelebt haben. In dem jüdischen Viertel in Damaskus konnte man einkaufen oder auch einfach nur spazieren gehen. Es gab nie Probleme oder Berührungsängste, es war einfach eine gemischte Gesellschaft. Das Judentum ist eine alte, monotheistische Religion, die zusammen mit dem Christentum und dem Islam lange Zeit friedlich nebeneinander und miteinander existierten, bis die Idee von der zionistische Organisation  kam, in Palästina einen Judenstaat zu errichten. Dies wurde auch von den Engländern (sog. Belfour Deklaration 1917) unterstützt.  Seitdem gab es viele Kriege, aus denen Israel als Sieger hervorging. 1967 ließ der ägyptische Präsident Jamal Abdul Nasser die Engen vom Akaba -Golf zum Roten Meer hin  schließen, wodurch der wichtige Hafen Israels „Ilat“ lahm gelegt wurde.  Dies war der Auslöser für den nun folgenden Sechs-Tage-Krieg. Hafiz al-Assad und Abdul Nasser bildeten eine Allianz gegen Israel und planten wohl einen Angriff, doch die Israelis kamen ihnen zuvor. Am 5. Juni 1967 bombardierten die Israelis in einem Überraschungsangriff sowohl Ägypten als auch Syrien und es gelang ihnen, die ägyptische Luftwaffe komplett auszuschalten. Israel schaffte es, innerhalb von sechs Tagen, die Sinai Halbinsel, das Westjordanland und die Golanhöhen zu erobern. Somit hatte sich Israel flächenmäßig fast verzehnfacht. Dieser Krieg ging also auch zu Gunsten Israels aus. Es wird im Nachhinein vermutet, dass Assad die Golanhöhen an Israel verkauft hat, um seine Macht zu sichern. Die Beziehung Syriens zu Israel war stillschweigend friedlich, propagandamäßig aber sehr kriegerisch.“

2011 kam es in Syrien zu friedlichen Demonstrationen gegen den Präsidenten Baschar al-Assad. Warum hat sich daraus ein bis heute andauernder Bürgerkrieg entwickelt?

„Um das zu verstehen, müssen wir uns die Geschichte Syriens näher anschauen. 1983 wurde versucht, gegen die Unterdrückung zu protestieren, die Menschen wollten die Diktatur nicht länger hinnehmen. Es endete mit dem Massaker von Hama. Mehr als 40.000 Menschen sind hierbei umgekommen, weitere 15.000 wurden inhaftiert und sind an den Folgen von Folter gestorben. In der Folgezeit wurde jeder, der sich kritisch äußerte, mundtot gemacht, indem er entweder verschleppt oder ermordet wurde. Dieses Massaker ist in den Köpfen der Menschen tief eingebrannt.  Mittlerweile gibt es in Syrien keine einzige Institution, die nicht von Baschar al-Assad und seiner Sippe beherrscht wird. Sowohl die Wirtschaft als auch Militär und Geheimdienst werden von Assad kontrolliert. Wir hier in Europa hatten zum Beispiel den Fall der Mauer erlebt. Davor gab es Glasnost und Perestroika, die Diktatoren in Europa verschwanden weitgehend, aber in der arabischen Welt bewegte sich gar nichts, denn das Volk hatte Angst, sowohl in Syrien als auch in anderen arabischen Ländern. Die Diktatur Assads war so blutrünstig, so gewaltvoll, dass das Volk einfach nur eingeschüchtert war. Nun aber kam der Arabische Frühling, ausgelöst in Tunesien. Dort, und auch in Ägypten hatte es gut funktioniert, also trauten sich auch die Syrer auf die Straßen und demonstrierten friedlich für Reformen. Doch die Regierung unter Baschar al-Assad wollte keine Reformen, keine Demokratie! Die friedvollen Demonstrationen wurden gewaltvoll niedergeschlagen, die Rädelsführer wurden verhaftet und anschließend getötet. Die Demonstranten kamen in friedlicher Mission, waren unbewaffnet. Die Gewalt ging von Assad und seiner Gefolgschaft, den sog.“ Alschabbieha“, aus. Es entstand nun ein Flächenbrand mit vielen grausamen Massakern.“

Wovon ist die aktuelle syrische Politik derzeit geprägt?

„Syrien ist zum Spielball vieler regionaler aber auch überregionaler Kräfte geworden. Auf dem Boden Syriens wird ein Stellvertreterkrieg geführt. Es sind Kräfte entstanden, die Syrien weiter ins Verderben drängen, wie zum Beispiel der IS. Das Volk in Syrien ist friedlich, es gibt dort beispielsweise keine Spannungen unter Ethnien. Es gibt dort auch nicht diese Radikalität wie unter anderem in Afghanistan. Aber der IS ist wie der Phoenix aus der Asche entstanden und plötzlich ist er auch in Syrien präsent, brutal und unnachgiebig. Assad steht auch in Verbindung mit dem IS. Er hat einige Geheimdienstoffiziere mit dem IS bekanntgemacht, hat sie hineingeführt, damit sie ihre grausamen Taten durchführen können. Die Grausamkeiten, mit denen die Zivilgesellschaft konfrontiert wird, sind unglaublich und erschütternd. Es ist schlimmer als im Mittelalter, auch Chemiewaffen wurden eingesetzt. Man hat den Eindruck, dass die internationale Gemeinschaft ratlos zuschaut, wie die Katastrophe vor den Toren Europas über Jahre hinweg ihren Lauf nimmt.“  

Was für Parteien gibt es in Syrien?

„Es gibt in Syrien nur die Baath-Partei. Doch sie spielt keine große Rolle, denn die Angehörigen des Assads-Regime halten die Macht in ihren Händen. Die Baath-Partei ist nur ein Instrument, ihre Mitglieder haben nichts zu sagen. Die einzigen, die wirklich Macht haben, sind Assad und seine Leute.“

Wie ist die syrische Medienlandschaft aufgebaut?

„Die syrische Medienlandschaft ist vor allem durch Zensur geprägt. Die Zeitungen, die Nachrichten, sie alle loben vor allem den Präsidenten. Es gibt also viel Propaganda. Die Situation ist ähnlich wie in Nordkorea. Ein unabhängiger, kritischer Journalismus existiert nicht.“

Wie gefährlich ist Baschar al-Assad tatsächlich?

„Assad ist ein Diktator, der alle, die sich ihm in den Weg stellen, ausschaltet. Wer ihn kritisiert, der lebt gefährlich. Hinzu kommt, dass Baschar al-Assad äußerst gewaltbereit und skrupellos ist. Das macht ihn unberechenbar.“

Interview und Foto: Sophie Martin

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