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Hussam Al Zaher hat in seinem Heimatland Syrien Politik studiert, arbeitete später als Journalist bis zu seiner Flucht nach Deutschland, wo er im Februar 2017 sein eigenes Onlinemagazin gründete. In dem folgenden Interview erzählt Hussam Al Zaher von den Unterschieden zwischen dem deutschen und dem syrischen Journalismus, von zensierter Berichterstattung, von eingeschränkter Pressefreiheit und von seiner Funktion als Chefredakteur beim Flüchtling Magazin.

Sie sind studierter Politikwissenschaftler. Warum haben Sie sich für dieses Studium entschieden?

„Weil ich glaube, dass alles in unserem Leben einen Bezug zur Politik hat, also alle gesellschaftlichen Aspekte. Und Politik ist wichtig, wichtig für das Zusammenleben der Menschen. Zum Beispiel, die Möglichkeit zur Wahl zu gehen und so das politische Zusammenleben aktiv mitzugestalten. Und mir gefällt es, politische Zusammenhänge zu begreifen, zu verstehen.“

Nach dem Studium haben Sie begonnen, als Journalist zu arbeiten. Wie muss man sich den journalistischen Alltag in Syrien vorstellen?

„Der journalistische Alltag in Syrien unterscheidet sich eklatant von dem hier in Deutschland. In Syrien beispielsweise gibt es nur Kontakte zwischen den Journalisten und Vertretern der obersten Regierung. Das, was der Chefredakteur der Regierung anbietet und was dann von der Regierung abgenickt wird, das wird dann geschrieben und gedruckt. Als Journalist ist man in Syrien ziemlich auf sich selbst gestellt, so etwas wie Redaktionssitzungen gibt es dort nicht, jeder arbeitet für sich. Und man muss wirklich sehr vorsichtig sein, man darf nicht das schreiben, was man denkt, sondern nur das, was die Regierung will. Also umschreibt man seine kritischen Aussagen, bleibt unkonkret, vage. Journalismus in Syrien ist nicht frei, so etwas wie Meinungs – und Pressefreiheit kennt man in meinem Heimatland nicht. Die eigene Meinung frei äußern – das gibt es dort nicht. Tut man es doch, gerät man in massive Schwierigkeiten. Das gilt insbesondere auch für ausländische Journalisten. Und es gibt sehr, sehr viel Zensur.“

Sind Sie aufgrund Ihrer journalistischen Aktivität in Schwierigkeiten geraten?
„Nein, ich persönlich nicht, aber Kollegen von mir schon. Ich war immer vorsichtig, immer auf der Hut.“

Was haben kritische Journalisten in Syrien zu befürchten?

„Dazu muss man sagen, dass es in Syrien kaum noch Journalisten gibt, die sich trauen, kritisch zu sein. Denn es ist viel zu gefährlich. Die, die den Mut besitzen, werden verfolgt, verschleppt, inhaftiert, gefoltert oder sogar getötet.“

Wie sieht die Medienlandschaft in Syrien aus?

„Es gibt schon viele verschiedene Zeitungen in Syrien, aber die Beichterstattung ist nicht sehr objektiv. Die größte Zeitung heißt Alwatan, das bedeutet so viel wie Heimat. Es ist eine Tageszeitung, die vor allem über die Politik im Lande berichtet. Selbstverständlich gibt es auch Fernseh- und Radiosender. Nur der Online-Journalismus ist in Syrien nicht so weit verbreitet, die Internetverbindungen sind nicht die besten.“

Inwieweit ist die Meinungsfreiheit in Syrien eingeschränkt?

„Man kann in Syrien seine Meinung definitiv nicht frei äußern, halt nur solange, wie man dem Assad—Regime gegenüber positiv gestimmt ist. Etwas Negatives über Assad zu sagen, dass wäre leichtsinnig und sehr gefährlich. Übt man Kritik, dann ist das eigene Leben bedroht.“

Sie haben im Februar diesen Jahres Ihr eigenes Magazin gegründet. Aus welcher Motivation heraus?

„Ich bin davon überzeugt, dass wir hier in Hamburg so eine Zeitung brauchen, eine Zeitung, die als Sprachrohr für Flüchtlinge fungiert. Das Flüchtling Magazin dient dem kulturellen Austausch, es ist Diskussionsplattform. So etwas ist wichtig, würde jedoch mit den großen Zeitungen wie dem Abendblatt oder dem Spiegel nicht funktionieren, denn dafür reichen meine Kenntnisse der deutschen Sprache noch nicht aus. Deshalb habe ich zusammen mit meinem Bruder mein eigenes Magazin gegründet.“

Was ist Inhalt des Magazins?

„Wir lassen Flüchtlinge zu Wort kommen, sie erzählen von ihren Erfahrungen, von ihren Schwierigkeiten bei der Integration in die deutsche Gesellschaft. Und wir bieten praktische Tipps, haben eine Kategorie in der Geflüchtete Fragen stellen können, die dann von unserer Anwältin beantwortet werden. Aber auch Ehrenamtliche, die mit Geflüchteten arbeiten, werden in unserem Magazin vorgestellt, sie erzählen von ihrem Einsatz. Hinzu kommen ausführliche Interviews zu kulturellen, sozialen aber auch politischen Themen. Wir schreiben über unsere Kultur und äußern unsere Meinung.“

Welche Zielgruppe wollen Sie ansprechen?
„Wir möchten sowohl Geflüchtete als auch interessierte Deutsche erreichen. Das Magazin richtet sich vor allem an junge Erwachsene zwischen 20 und 45 Jahren. Das Flüchtlingmagazin ist von Menschen für Menschen mit Menschen, von uns für euch.“

Mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich konfrontiert?

„Zum Einem ist es die deutsche Spreche. Ich bin noch nicht so lange in Deutschland, daher gibt es oft Kommunikations- und Verständigungsprobleme. Zum Beispiel brauche ich immer jemanden, der meine Texte Korrektur liest. Aber ich lerne jeden Tag dazu.  Und man darf nicht vergessen, dass in unserem Team alle ehrenamtlich arbeiten, sie haben alle noch einen anderen Job, daher ist Zeit oft ein Thema.“

Was bedeutet das Schreiben für Sie?

„Ich möchte mit dem Schreiben etwas ausdrücken, möchte Menschen erreichen, mich mitteilen, zum Nachdenken anregen. Und ich schreibe gerne die Geschichten von Menschen auf, die sich selber nicht so gut ausdrücken könne. Sie erzählen mir von ihren Erfahrungen und ich bringe diese dann zu Papier.“

Was sind Ihre Ziele für die Zukunft?

„Ich will weiter als Journalist arbeiten, hier in Hamburg beim Flüchtling Magazin. Und ich wünsche mir, dass unser Magazin wächst, dass es größer wird, dass wir noch mehr Menschen erreichen.“

Das Interview führte Sophie Martin
Fotos: Sophie Martin

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