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Eine eigene Wohnung – für viele Flüchtlinge ein Traum. Doch der Hamburger Wohnungsmarkt ist hart umkämpft, Wohnraum ist knapp und die wenigen freien Wohnungen sind oft unbezahlbar. Nadia (Name geändert) aus Afghanistan und Mara (Name ebenfalls geändert) aus Ghana haben alleine im letzten halben Jahr zehn verschiedene Wohnungen angeschaut – ohne Erfolg. Um Alternativen für junge Geflüchtete anzubieten, wurde Anfang 2016 das Projekt Zimmerfrei im Auftrag der Hamburger Sozialbehörde bei der Lawaetz-wohnen&leben gGmbH gegründet. Es vermittelt Zimmer an unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Doch wie ist die rechtliche Situation? Wieviel darf eine Wohnung kosten? Und wo leben Nadia und Mara zurzeit? Der folgende Hintergrundbericht gibt Antworten.

„Ich habe oft Heimweh. Und das, obwohl in meinem Heimatland seit Jahrzehnten Krieg herrscht. Aber ich bin nun mal dort geboren und aufgewachsen. Und ich habe mich trotz der allgegenwärtigen Gefahr und der vielen Terroranschläge in diesem Land immer zuhause gefühlt“, erklärt Nadia, eine junge Frau aus Afghanistan.

Wir alle brauchen ein Zuhause, soviel steht fest. Doch was ist ein Zuhause überhaupt? Für viele von uns ist es der Ort, an dem wir leben. Und das nicht nur, weil wir dort unsere Wohnung oder unser Haus haben, sondern vielmehr unsere Familie, unsere Freunde und auch unsere Arbeit. Es sind also vielmehr die Umgebung und vor allem die Menschen, die aus einem Ort ein wirkliches, ein richtiges Zuhause schaffen. Doch was bindet uns an diesen Ort, den wir unser Zuhause nennen? Es sind die emotionalen Aspekte. Ein Zuhause zu haben, das ist gleichzusetzten mit einem Gefühl von Geborgenheit, einem Heimatgefühl. Denn ein Zuhause bietet uns die Möglichkeit, uns zurückzuziehen, es ist unsere Basis, von der aus wir agieren. Oft sind wir mit unserem Zuhause verwurzelt. Und das ist gut so, denn dadurch sind wir gefestigt, können mit Krisen und Rückschlägen besser umgehen.

Doch was ist mit denjenigen, die kein Zuhause haben, die entwurzelt sind? So geht es den vielen Flüchtlingen, die nach Europa, nach Deutschland gekommen sind. Sie haben ihr Zuhause durch Krieg und Terror verloren, haben sich auf eine gefährliche Flucht begeben, mussten dabei ihr Eigentum und ihren Besitz zurücklassen.

„Ich bin jetzt seit zwei Jahren in Deutschland und fasse langsam Fuß hier. Für meine Eltern ist es schwieriger, in diesem fremden Land anzukommen, sich zu integrieren. Ich glaube, sie fühlen sich entwurzelt, auch wenn wir darüber nicht reden. Für mich ist es leichter hier in Hamburg Wurzeln zu schlagen, weil ich noch so jung bin. Ich lerne die deutsche Sprache, besuche die Berufsschule, will danach eine Ausbildung machen. Ich habe Pläne hier in Deutschland“, fährt Nadia fort.

Alleine Hamburg hat in den letzten zwei Jahren mehr als 32.000 Geflüchtete aufgenommen. Zwar wurde jeder dritte Asylantrag abgelehnt und dennoch bleibt die Anzahl derjenigen, die eine Wohnung suchen, immens hoch. Aktuell leben derzeit an die 28.000 Asylbewerber und Flüchtlinge in den Flüchtlingsunterkünften, 6000 von ihnen befinden sich noch immer in den Erstaufnahmecamps, denn die Folgeunterkünfte sind voll, ihre Bewohner finden einfach keinen geeigneten Wohnraum. Flüchtlinge können erst mit dem Erhalt ihrer Aufenthaltserlaubnis aus den Sammelunterkünften ausziehen. Nach der Anerkennung besuchen die Geflüchteten zunächst einen Integrationskurs, während dieser Zeit sind sie beim Amt arbeitslos gemeldet. Sie können also reguläre Sozialleistungen beziehen. Für eine Person darf die Brutto-Kaltmiete einen Betrag von 463, 50 Euro nicht übersteigen, bei zwei Personen sind es 556,20 Euro.

„Als wir in Deutschland angekommen sind, waren wir zunächst in einer der Sammelunterkünfte in Niendorf untergebracht. Es war schrecklich, ich konnte dort nicht richtig schlafen, hatte Alpträume. Wir haben uns die Räumlichkeiten mit etwa 500 weiteren Flüchtlingen geteilt, es war laut, hektisch und schmutzig. Man musste extrem vorsichtig sein, dass man nicht beklaut wird. Ich habe psychische Probleme entwickelt, Ängste, Depressionen, habe während der Zeit dort wenig gegessen, kaum geschlafen“, spricht Nadia weiter.

Diese Probleme kennt auch Mara aus Ghana. Sie lebt zurzeit in einem Frauenhaus, sucht dringend eine Wohnung für sich und ihren Sohn.

„Bei uns hat zwar jede Bewohnerin ein eigenes Zimmer, es ist aber trotzdem alles sehr beengt. Wir teilen uns die Küche und das Bad, es gibt oft Konflikte, wer mit dem Putzen dran ist. Und man muss ständig auf seine Sachen aufpassen, es wird viel geklaut. Ich fühle mich oft gereizt und gestresst, sehne mich nach Ruhe, nach einem Ort, den ich Zuhause nennen kann. Ich habe eine lange und gefährliche Flucht von Ghana bis nach Deutschland hinter mir und möchte einfach mal irgendwo ankommen. Ich glaube, wenn ich eine eigene Wohnung hätte, würde ich auch mit dem Deutschlernen schneller vorankommen, weil ich mich sicherlich besser konzentrieren könnte.“

Doch wie ist die rechtliche Situation?

Die Unterbringung erfolgt zunächst in einer der Erstaufnahmeeinrichtungen. Dort bleiben die Geflüchteten im Regelfall zwischen sechs Wochen und sechs Monaten. Nach Ablauf dieser Frist werden die Betroffenen dann anhand einer Quotenregelung, dem sogenannten Königsteiner Schlüssel, über landesrechtliche Verteilungsmechanismen weitergeleitet. Geregelt wird all dies durch das Asylgesetz. Und nach dem Asylgesetz ist es ganz klar Aufgabe der Kommunen, Flüchtlinge aufzunehmen. Bis das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) einen Ausländer als Asylberechtigten anerkannt hat, geschieht die Unterbringung des Betroffenen nach Paragraph 53 des Asylgesetzes in einer Gemeinschaftsunterkunft.

Um die schwierige Wohnsituation in Hamburg weiß auch das Projekt Zimmerfrei der Lawaetz-wohnen&leben gGmbH. Gegründet Anfang 2016, hat Zimmerfrei das Ziel, geeignete Zimmer und kleine Appartements für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge zu finden.

„Wir wollen den Jugendlichen die Möglichkeit geben, in Hamburg anzukommen. Sie sollen sich in der fremden Stadt einleben, ein richtiges Zuhause finden, Fuß fassen“, erklärt Anne Plehn. Die studierte Sozialpädagogin arbeitet seit Juli 2016 für Zimmerfrei, sie weiß genau worauf es ankommt, was wichtig ist: „Viele der Jugendlichen leben in Sammelunterkünften, teilen sich oftmals mit bis zu zehn weiteren Personen ein Zimmer, haben kaum Privatsphäre. Das muss dringend geändert werden.“

Genau wie Nadia und Mara sind die betroffenen Jugendlichen entwurzelt, haben in ihrem Heimatland und auf der Flucht nach Deutschland Schreckliches erlebt, sind traumatisiert.

„Umso wichtiger ist es, dass die Jugendlichen in ein stabiles, gefestigtes Umfeld gelangen. Die jungen Geflüchteten kommen oft aus einer Vollzeitbetreuung. In den eigenen Wohnraum zu ziehen, könnte auch überfordern, vor allem weil sie viele bürokratische Hürden nehmen müssen. Deshalb erhalten sie zur Unterstützung einen ambulanten Bezugsbetreuer, der ihnen in allen Alltagsfragen zur Seite steht und sie auf dem Weg in die Selbständigkeit begleitet. Außerdem ist für die Minderjährigen ein gesetzlicher Vormund zuständig, dessen wesentliche Aufgabe es ist, seine Schützlinge in allen Rechtsfragen zu vertreten. “

Zusammen mit dem Vormund meldet sich der Geflüchtete bei Zimmerfrei über das Meldeformular an. Im weiteren Verlauf werden beide zu einem Vorgespräch eingeladen. Hier wird geklärt, was für Wünsche und Vorstellungen der Geflüchtete hat, was ihm beim Wohnen wichtig ist. Haben Anne Plehn und ihre Kolleg_innen eine geeignete Unterkunft, wird ein erstes Kennenlernen zwischen dem Jugendlichen und dem Vermieter organisiert, welches gleichzeitig dazu dient, das angebotene Zimmer zu besichtigen.

„Die Kosten für ein solches Zimmer werden entweder vom Grundsicherungsamt oder vom Jobcenter übernommen. Es sei denn, die Jugendlichen absolvieren gerade eine Ausbildung, dann bezahlen sie die Miete selber von ihrem Gehalt. Hier können gegeben falls ergänzende Leistungen über das Grundsicherungsamt oder ALG II beantragt werden. So ein Zimmer hat bestimmte Kriterien zu erfüllen. Es muss mindestens 12 Quadratmeter groß sein und die Tür muss abschließbar sein. Darüber hinaus muss der Zugang zu einer Küche und sanitären Anlagen gewährleistet sein“, fügt Anne Plehn hinzu.

Eine solche WG kann eine Bereicherung für beide Seiten sein, auch für den Vermieter. Er hat die Möglichkeit, einem jungen, heranwachsenden Menschen aktiv zu helfen. Im Gegenzug dazu lernt er eine neue, fremde Kultur kennen, zum Beispiel durch gemeinsames Kochen oder auch einfach nur durch Gespräche, Musik oder Filme. Wichtig ist hierbei, dass das Mietverhältnis unbefristet ist.

„Viele der von uns vermittelten WGs funktionieren sehr gut. Das ist die Rückmeldung, die wir sowohl von den Vermietern als auch von den Jugendlichen erhalten. Es entwickeln sich sogar richtige Freundschaften. Und genau das ist die Philosophie hinter unserem Projekt. Integration und das Miteinander sollen gefördert werden.“

Es sind ganz unterschiedliche Menschen, die ein Zimmer anbieten. Ehepaare, deren Kinder mittlerweile ausgezogen sind, Studenten, junge Familien oder auch Rentner. Wichtig ist, dass die Vermieter eine soziale Grundeinstellung haben und Neuem gegenüber aufgeschlossen sind.

Seit Beginn des Projekts konnten 46 Mietverhältnisse vermittelt werden – und es warten noch viele weitere junge Geflüchtete auf ein Zimmerangebot.

Auch wenn Zimmerfrei für Nadia und Mara auf Grund ihres Alters nicht die richtige Anlaufstelle ist, gibt es Angebote, die auch ihnen helfen können, wie zum Beispiel das Projekt Vivienda. Dieses Projekt vermittelt unter anderem Wohnungen an Frauen aus Frauenhäusern. Aber auch die Wohnbrücke Hamburg kann Ansprechpartner sein.

Sowohl Nadia als auch Mara haben sich alleine in den letzten sechs Monaten an die zehn Wohnungen angeschaut, ohne Erfolg. Sie haben oft mit Vorurteilen zu kämpfen, viele Vermieter möchten keine Ausländer in ihren Wohnungen. Für Nadia und Mara ist die Belastung hoch, es geht ihnen nicht gut. Und ihr Schicksal ist leider kein Einzelfall: Die meisten der Geflüchteten in den Sammelunterkünften wünschen sich nichts mehr als eine eigene Wohnung. Um endlich anzukommen, um sich ein neues Zuhause aufzubauen. Und um die Strapazen der Flucht zu mindestens ein klein wenig hinter sich zu lassen.

Zimmerfrei sucht Dich!

Du bist sozial eingestellt, aufgeschlossen und an neuen Erfahrungen interessiert? In Deiner Wohnung ist ein Zimmer frei und Du kannst Dir vorstellen, mit einem jungen Flüchtling eine WG zu gründen? Dann melde Dich schnell bei Anne Plehn, Jonas Ehrsam und Aida Ibrahim. Ruf einfach an unter 040/716 687 650 oder schreib eine Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Text: Sophie Martin

Fotos: pixabay

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