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Legato ist eine Fach- und Beratungsstelle für religiös begründete Radikalisierung und bietet gleichzeitig systemische Ausstiegsberatung an. Doch wie geraten gerade Jugendliche in die radikale Szene? Wie kann Prävention aussehen? Und wie schwer ist eine Deradikalisierung? Antwort geben die Mitarbeiterinnen Johanna Schütze und Lea Hildebrandt.

 

 

Mögen Sie sich einmal kurz vorstellen?

Johanna:

„Mein Name ist Johanna Schütze, ich bin gelernte Erzieherin. Bei Legato arbeite ich jetzt seit einem Jahr. Vorher war ich für zwei Jahre in einer Einrichtung für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge tätig.“

Lea:

„Ich heiße Lea Hildebrandt und bin seit einem halben Jahr bei Legato. Studiert habe ich Religionswissenschaften hier in Hamburg. Danach habe auch ich in einer Unterkunft für Flüchtlinge gearbeitet. Zurzeit absolviere ich eine Weiterbildung zur systemischen Beraterin.“

 

Was für ein Angebot bietet Legato an?

Johanna:

„Wir sind eine Fachstelle. Dieser Terminus kann erst einmal alles, aber auch nichts bedeuten. Was wir hauptsächlich tun, ist beraten und begleiten. Dies bieten wir allen Menschen an, die mit uns in Kontakt treten, sei es im Bereich Religion oder weil sie merken, dass sich jemand in ihrem Umfeld anfängt sich zu verändern. Unsere Hauptaufgabe ist es, zu unterstützen, Fragen zu beantworten, da zu sein.“ 

 

An wen richtet sich das Angebot konkret?

Lea:

„Es sind oft Familienangehörige, die sich sorgen, insbesondere die Mütter stellen Veränderungen bei ihren Kindern fest. Aber wir beraten natürlich auch Erzieher, Sozialarbeiter und Lehrer. Also alles Menschen, die mit Jugendlichen zu tun haben, die mit ihnen in Kontakt stehen und bemerken, dass etwas nicht stimmt. Sie machen sich Sorgen und wenden sich an uns.“

 

Welche Philosophie steht hinter Legato?

Johanna:

„Ich bin mir nicht ganz sicher, ob man dies unter einer Philosophie versteht, aber wir arbeiten nach zwei Hauptstandards. Der eine ist die systemische Beratung, der andere die soziale Arbeit. Denn vieles, was wir machen, hat einfach mit sozialer Arbeit zu tun. Unser Schwerpunkt liegt jedoch nicht in der theologischen Arbeit. Denn die Fragen, mit denen sich Betroffene an uns wenden, haben oft überhaupt nichts mit Religion zu tun. Es geht vielmehr darum: Hey, warum verhält mein Kind sich plötzlich anders? Warum verändert es sich? Das sind alles Fragen, die sich nicht mit einem religiösen Ansatz erklären lassen. Legato ist ein Wort aus dem Italienischen, es bedeutet Bindung. Wir sind davon überzeugt, dass soziale Bindungen eine Schlüsselsequenz sind, um aus der radikalen Szene wiederherauszufinden und andere Wege einzuschlagen.“

 

Wie kam es zur Gründung von Legato?

Johanna:

„Legato gibt es seit 2015.  Die Vorgeschichte hat jedoch schon einige Jahre früher angefangen, 2012 um genau zu sein. In diesem Jahr haben sich verstärkt Eltern an Beratungsstellen gewandt, weil ihre Kinder sich der radikalen Szene angeschlossen haben. Die Nachfrage nach Beratungen in diesem Bereich wurde also mehr, der Bedarf war da. Es gab plötzlich Menschen, die in diesem speziellen Bereich nach Hilfe suchten, weil ihre Söhne beispielsweise nach Syrien ausgereist sind, um dort in den Dschihad zu ziehen. Schnelle entstand daraus ein wirklich großes, ein wirklich ernstzunehmendes Problem. Die Städte haben das erkannt und Gelder für Projekte in diesem Bereich ausgeschrieben. In Hamburg haben sich die beiden Träger Pestalozzi und Ama e.V. beworben. Heute wird Legato von diesen beiden Trägern geleitet.“

 

Der Begriff Radikalisierung leitet sich von dem lateinischen Wort radix für Wurzel ab. Können Sie diesen Zusammenhang bitte einmal genauer erklären?

Lea:

„Wenn man tatsächlich von diesem Begriff ausgehen würde, dann hieße es, dass Menschen etwas direkt an der Wurzel verändern wollen, also am Ursprung. Wir bei Legato arbeiten jedoch sehr ungern mit solchen Begrifflichkeiten, weil es eben keine wirklich konkrete Definition gibt, auf die sich alle einigen. Außerdem wollen wir auch nicht einstufen oder gar etikettieren.“

 

Radikalismus und Religion – wie ist der Zusammenhang?

Johanna:

„Radikalisierung ist ein Prozess, der laufend stattfindet und der auch immer in Bewegung ist. Die Wege in die Radikalisierung haben in den seltensten Fällen wirklich was mit Religion zu tun. Vor der Radikalisierung steht oftmals eine Krise, das können Probleme mit den Eltern, dem Freundeskreis oder in der Schule sein. Oft sind es viele kleine Dinge, die da zusammenkommen. Sie haben aber meistens nicht viel mit Religion zu tun. Tauscht man sich zum Beispiel mit Beratungsstellen für Rechtsradikalismus aus, dann sind sich die Gründe für eine Radikalisierung erstaunlich ähnlich. Der Auslöser ist also nicht zwangsläufig Religion.“

 

Und was genau ist der Unterschied zwischen Radikalisierung und Extremismus? Wo verläuft die Grenze?

Lea:

„Das ist ein riesiges Diskussionsthema in allen Beratungsstellen. Wie schon erwähnt: wie verwenden solche Termini so gut es geht gar nicht, weil sie eben nicht klar definiert sind. Wie benennen wir also Dinge? Und wie müssen wir sie benennen? Das sind Fragestellungen, die uns im Arbeitsalltag sehr häufig begegnen. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, Dinge einzuschätzen, die Polizei macht so etwas vielleicht, wir allerdings nicht. Und wir beraten vielleicht auch Menschen, die gar nicht so radikal sind. Wir unterstützen alle, die Hilfe benötigen. Dabei spielen diese Begrifflichkeiten nun mal keine so große Rolle.“

 

Richten wir den Fokus nun auf sich radikalisierende Jugendliche: Was sind Gründe für eine Radikalisierung?

Johanna:

„Ganz typisch ist es, dass die Radikalisierung oftmals bei jungen Menschen, die gerade mitten in der Pubertät stecken, beginnt. Viele der Jugendlichen befinden sich in einer Identitätskrise. Sie suchen eine Richtung, einen Weg, den sie einschlagen können. Hier in Hamburg gibt es in einigen Stadtteilen eine regelrechte Jugendbewegung, in der die Kids sich radikalisieren. Das sind vor allem die Stadteile, in denen es den Menschen nicht so gut geht. Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit spielen eine große Rolle. Aber das ist nur ein kleiner Ausschnitt. Es melden sich aber auch viele Eltern aus den anderen Stadtteilen. Oft sind es Familien, bei denen man es auf den ersten Blick vielleicht nicht direkt vermuten würde. Es hat auch gar nicht unbedingt etwas mit Migrationshintergrund zu tun. Die Krisen sind es, die ausschlaggebend sind. Doch alle Menschen sind unterschiedlich und individuell. Es gibt also Jugendliche, die schon in jungen Jahren viele Krisen durchstehen mussten und dennoch nicht in die radikale Szene abrutschen. Und es gibt eben die, die vielleicht labiler sind, wo schon eine kleine Krise ausreicht, um den Weg in die Radikalisierung zu ebnen. Es hängt also viel von den einzelnen Charakteren ab. Man kann und darf nicht pauschalisieren.“

 

Was sind erste Anzeichen einer Radikalisierung?

Johanna:

„Wir sind mit so etwas immer sehr vorsichtig, vor allem, wenn wir es öffentlich benennen. Denn wenn ich jetzt drei Anzeichen sage, können die alles aber auch nichts bedeuten. Ganz oft benötigen wir sehr lange, um zu erkennen, okay, jetzt wird es tatsächlich brenzlig. Das liegt dann oft daran, dass alle Anzeichen eben auch ohne Bedeutung sein können. Gerade wenn Jugendliche konvertieren, dann wollen sie immer alles richtigmachen, sie hängen sich da richtig rein. Dadurch entsteht vielleicht der Eindruck, dass das ganze in eine falsche Richtung geht, eben weil der Jugendliche neu in der Szene ist und perfekt sein und perfekt handeln möchte. Wenn wir also öffentlich Punkte benennen würden, an denen man eine Radikalisierung erkennen kann, dann hätte das schlussendlich zur Folge, dass zum Beispiel an Schulen Jugendliche stark stigmatisiert würden. Und genau das möchten wir verhindern. Was wir aber allen Betroffenen im Umfeld des sich Radikalisierenden raten, ist, auf ihr Bauchgefühl zu hören. Denn das ist oft richtig. Hat also jemand das Gefühl, da könnte etwas ausarten, da läuft etwas falsch, einfach anrufen. Selbst wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass doch alles ganz harmlos ist. Es gibt halt einfach keine Checkliste. Sonst wäre unsere Arbeit ja auch wesentlich leichter.“

 

Wie kann hier Prävention aussehen? Was können pädagogische Fachkräfte aber auch das familiäre Umfeld tun, um einer Radikalisierung entgegenzuwirken?

Lea:

„Wie schon erwähnt, das Wort Legato bedeutet ja Bindung und genau das ist der richtige Ansatz. Ins Gespräch kommen, sich austauschen, miteinander reden. Kommunikation ist also ganz, ganz wichtig.

Johanna:

„An Schulen könnte ein Ansatz auch Aufklärung sein. Wie arbeitet die Szene? Wie werden Jugendliche rekrutiert? Sich damit auseinanderzusetzten, sich mit der Thematik beschäftigen. Also einen offenen Raum schaffen, in dem es möglich ist, miteinander zu sprechen, die Dinge zu benennen. Und keine Angst vor der Diskussion, vor der Konfrontation haben. Denn bei vielen schwingt oft Angst mit, was aber auch absolut verständlich ist, denn gerade in den Medien wir die ganze Thematik oft sehr aufgebauscht. Viele verbinden Radikalisierung mit Terror. Und Terror macht natürlich Angst. Das Wichtigste gerade an Schulen ist es, erst einmal Ruhe zu bewahren, zu schauen, was ist überhaupt los? An wen können wir uns jetzt wenden, wen können wir dazu holen? Und was kann jetzt getan werden? Nicht gleich die Fassung verlieren. Für Familien ist das natürlich verständlicherweise schwieriger. Wir geben den Eltern aber immer den Tipp, ihr Kind nicht anfangen zu beschatten oder zu überwachen. Viele Eltern verfallen dann in das Motto – oh, ich muss mein Kind jetzt an mich binden. Besser ist es jedoch, feinfühlig zu reagieren und wirklich genau hinzuschauen: Driftet mein Kind ab? Was passiert da gerade mit meinem Kind? Dann sollten die Eltern ins Gespräch gehen. Wichtig ist es aber auch, den Jugendlichen Raum zu geben, erwachsen zu werden, eigene Entscheidungen zu treffen. Dies gilt natürlich auch für die Religionsfreiheit. Wenn Jugendliche konvertieren, ist die Angst natürlich anfangs extrem hoch, einfach auch, weil so viel Unwissenheit mit dabei ist. Unsere Aufgabe ist es, die Eltern zu begleiten, ihnen zuzuhören, an ihrer Seite zu stehen.“

 

Wie genau helfen Sie den Betroffenen, aber auch den Eltern?

Johanna:

„Wir hören den Eltern erst einmal zu. Und wir schauen, wer im Moment die stärkste Bindung zu ihrem Kind hat. Denn bei einer Radikalisierung ist es oft – ähnlich wie bei Sekten- so, dass das soziale Umfeld gekappt wird. Die Betroffenen ziehen sich zurück, denn aus ihrem Umfeld bekommen sie eine Rückmeldung, die sie nicht hören wollen, nämlich, dass sie auf dem falschen Weg sind. Freunde und Familie machen sich Sorgen. Also beginnt die Isolation. Und hier setzten wir an: Wir schauen, wer hatte früher eine besonders enge Bindung zu dem Jugendlichen, wer war Bezugsperson? Diese Personen nennen wir Schlüsselklienten. Im nächsten Schritt versuchen wir, diese Bindung wiederherzustellen, wiederaufzubauen. Oft sind es die Eltern oder die Geschwister. Bei Geflüchteten ist dieser Prozess jedoch weitaus schwieriger, denn viele sind alleine gekommen. In diesen Fällen können wir halt nicht mal eben kurz die Mutter anrufen. Die Flüchtlinge leben oft nicht in gefestigten, sozialen Strukturen, haben keinen langjährigen Freundeskreis hier in Deutschland. Sie haben zwar häufig einen Betreuer, doch diese Bindung ist eher professionell als freundschaftlich oder gar familiär. Sie haben also keine Bindungsperson. Hinzu kommt, dass es ihnen oft psychisch nicht gut geht.“

 

Sie beraten auch Menschen, die aus der radikalen Szene wieder aussteigen wollen. Wie sieht eine solche Ausstiegsberatung konkret aus? Was sind hierbei die einzelnen Schritte?

Lea:

„Auch dieser Prozess ist selbstverständlich ganz individuell. Wir schauen zunächst, wie überhaupt der Weg in die Szene gewesen ist. Was hat dazu geführt, dass der Jugendliche sich radikalisiert hat? Warum hat er sich dem radikalen Milieu zugewandt? Dann arbeiten wir gemeinsam die Vergangenheit auf. Wir schauen also nach den Ursachen. Danach ist eine Reorientierung in die Gesellschaft von Nöten. Der ganze alte Freundeskreis ist ja oftmals nicht mehr da. Wie kann also wieder Anschluss gefunden werden? Wir helfen auch dabei, eine neue Arbeitsstelle zu suchen. Ein gefestigter Alltag und Struktur sind sehr wichtig.“

 

Wie schwierig ist eine solche Deradikalisierung?

Lea:

„Es ist natürlich sehr schwer, keine Frage! Denn wer schaut sich schon gerne seine eigenen Schmerzen an? Das ist der eine Aspekt. Hinzu kommt, dass – wie schon erwähnt – der gesamte Freundeskreis weg ist. Die Betroffenen fühlen sich oft einsam, haben das Gefühl, alleine zu sein. Eine therapeutische Behandlung kann somit auch sinnvoll sein. Wenn Jugendliche sich der radikalen Szene anschließen, dann gibt ihnen das etwas, was sie mögen. Es muss also etwas Positives haben. Steigen sie dann aus, schauen wir uns an, was war das, was dir gefallen hat? Das erfordert eine hohe Selbstreflexion, da muss man sehr ehrlich mit sich selber sein. Das ist für viele eine große Hürde, es fällt ihnen nicht leicht.  Sie müssen im Anschluss nach etwas suchen, was ihnen auch etwas gibt, ohne, dass sie sich dabei jedoch in Gefahr begeben.“

 

Das Interview führte Sophie Martin

Fotos: pixabay / Sophie Martin

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