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Sinti und Roma – eine ethnische Gruppe, über die es vor allem eins gibt: Vorurteile, Klischees, Unwissen. Und genau hier setzt der Sinti–Verein Hamburg e.V. an: Mit konkreten Bildungsangeboten und Informationsveranstaltungen leistet er sowohl Integrations- als auch Aufklärungsarbeit. Seit seiner Gründung im Jahr 2001 hat dieser Verein unter dem Vorsitzenden Christian Rosenberg und seinen Mitarbeitern schon viel erreicht., hat gezeigt, dass es auch anders geht. Selbstverständlich gibt es weiterhin viel zu tun. Doch der eingeschlagene Weg zeigt in die richtige Richtung. Soviel steht fest.

 

Mittwochmorgen, die Uhr zeigt kurz nach neun, es ist klirrend kalt draußen, der Atem gefriert vor dem Gesicht, auf dem Bäumen liegt Raureif und die Straßen sind noch leicht glatt von dem Frost in der Nacht.

In den Räumlichkeiten des Sinti-Verein Hamburg e.V.  in Osdorf riecht es nach frisch aufgebrühtem Kaffee, es ist behaglich warm, Kinder spielen auf dem Flur und der Tisch im großen Seminarraum ist mit allem, was man für ein ausgiebiges Frühstück braucht, gedeckt. Es ist Zeit für die Mutter-Kind- Gruppe. Dieses Angebot findet immer montags, mittwochs und freitags statt. Teilnehmerin ist auch die junge Mutter Chalina. Chalina ist eine in Deutschland aufgewachsene Sinteza, sie spricht perfektes Deutsch, ist freundlich, offen und zugewandt.

„Mir gefällt an der Mutter-Kind-Gruppe das familiäre Umfeld und die intensive Betreuung der Kinder. Meine beiden Ältesten sind elf und neun Jahre alt, sie gehen bereits zur Schule. Ihre zwei jüngeren Geschwister nehme ich mit, sie werden hier optimal umsorgt und ich kann mich in Ruhe mit den anderen Müttern austauschen.“

Das Frühstück wird vom Verein organisiert und ausgerichtet, zwischen fünf und sieben Kinder mit ihren Müttern nehmen regelmäßig teil. Es bietet die Möglichkeit zum Austausch oder einfach nur zum Reden, während die Kinder betreut werden und miteinander spielen.

„Unsere Kinder sind uns das Wichtigste“, fährt Chalina fort und nippt an ihrem Kaffee, „wir haben ein sehr inniges, intensives Verhältnis zu ihnen. Überhaupt ist bei uns Sinti und auch bei den Roma die Familie sehr wichtig. Wir halten zusammen, kümmern uns umeinander, wenn mal jemand krank ist oder sonst Probleme hat. Und wir begegnen vor allem den älteren Familienmitgliedern mit sehr viel Respekt, fragen sie um Rat bei wichtigen Entscheidungen und hören auf das, was sie sagen. Ihre Tipps sind sehr wertvoll für uns. Sie geben uns auch oft Ratschläge für die Erziehung unserer Kinder.“

Und diese Ratschläge beherzigt Chalina gerne. Denn die 32jährige absolviert zurzeit eine Ausbildung zur Kita-Bildungs-Begleiterin. Diese Ausbildung dauert insgesamt 14 Monate, Abschlussprüfung ist am 28. Mai dieses Jahres.

„Ich arbeite unglaublich gerne mit Kinder. Ihre Betreuung, das gemeinsame Spielen und überhaupt der pädagogische Ansatz gefallen mir sehr. Kinder sind unsere Zukunft. Ich hoffe sehr, dass ich nach Beenden der Ausbildung von meinem jetzigen Arbeitgeber übernommen werde.“

Selbstverständlich ist das nicht. Denn obwohl sie seit Jahrhunderten in Europa leben, sind die Vorurteile gegenüber den Sinti und Roma tief in der Gesellschaft verwurzelt, auch hier in Deutschland, vor Ort in Hamburg. Viele Menschen glauben, dass Sinti und Roma klauen, dass sie ihre Kinder verkaufen, dass sie schmutzig und ungepflegt und gerne unter sich seien, sich nicht integrieren wollen. Hört man sich um, dann stellt man fest, dass die meisten mit den Sinti und Roma einfach nichts zu tun haben möchten und auch nicht wollen, dass eine Sinti oder Roma-Familie in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnt. Denn sie gelten oft als ungebildet, als eigenwillig und auch als merkwürdig.

Doch woran liegt das?

„Es gibt ganz, ganz viel Unwissenheit über unsere Leute. Für viele sind und bleiben wir einfach Zigeuner und das, obwohl dieser Begriff seit nun mehr als zehn Jahren verboten ist. Durch die vielen Klischees werden wir nach wie vor stark stigmatisiert. Unsere Wurzeln liegen in Indien. Viele Sinti und Roma leben in Rumänien und Bulgarien. In beiden Ländern herrschen Zustände, die wirklich schlimm sind. Die meisten von ihnen, die hier nach Deutschland flüchten, haben das Problem, dass sie nur geduldet werden. Sie müssen also jeden Moment damit rechnen, abgeschoben zu werden. Sie können nicht vernünftig arbeiten und sich somit auch nur schwer integrieren. Sie befinden sich in der Schwebe, werden zwischengeparkt. So ist doch klar, dass sich eine immense Armutskriminalität entwickelt“, erklärt Christian Rosenberg.

Der 47jährige Sinto hat 2001 den Sinti-Verein Hamburg e.V. mitgegründet und ist Vorstandsmitglied. Darüber hinaus arbeitet er als Bildungsberater in einer Grundschule in Veddel. Er fungiert als Mediator zwischen der Schule und den Sinti und Roma-Familien. Soziale Arbeit liegt ihm im Blut.

Christian strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, man hört ihm gerne zu, lauscht seinen Worten. Vor ihm auf dem Tisch steht eine Tasse mit heißem Tee, das Licht ist ein wenig gedämpft, insgesamt eine angenehme Gesprächsatmosphäre.

„Wir haben uns zum Ziel gesetzt, den Bildungsnotstand der Sinti und Roma nachhaltig zu verbessern“, erklärt Christian, „seit 2001 sind wir mit verschiedenen Projekten aufgestellt. Wir haben ganz niedrigschwellig mit muttersprachlichen Förderunterricht angefangen. Eines unserer wichtigsten Projekte ist die Mutter-Kind-Gruppe. Sie ist quasi die Vorstufe zum Kindergarten. Man muss wissen, dass Sinti und Roma zu 90 Prozent die regulären Kita-Angebote nicht wahrnehmen. Ganz einfach, weil sie der Mehrheitsgesellschaft misstrauen, weil sie Angst haben. Das hat natürlich Konsequenzen. Wenn Sinti und Roma-Kinder in die Grundschule kommen, sind sie oft sehr rückständig, gerade in Bezug auf die sprachlichen Kompetenzen. Das liegt daran, dass wir mit unseren Kindern fast ausschließlich in unserer Muttersprache, dem Romanes, sprechen.“

Das Romanes ist eine sehr alte, traditionelle Sprache. Sie stammt von dem indischen Sanskrit ab, weist Einflüsse aus dem spanischen, dem italienischen sowie dem griechischen Sprachraum auf. Sie gehört gemeinsam mit Sprachen wie dem Urdu und dem Hindi zur indoarischen Sprachfamilie. In einigen europäischen Staaten, darunter auch Deutschland und Österreich, ist das Romanes eine offiziell anerkannte Minderheitensprache.

Und dennoch können viele Sinti und Roma nicht richtig schreiben und lesen. Der Protzentsatz an Analphabeten ist hoch, bei der älteren Generation beträgt er zwischen 60 und 70 Prozent. Im Jahr 2015 hat der Sinti-Verein Hamburg e.V. daher begonnen, Alphabetisierungskurse anzubieten. Die Teilnehmer haben mit geringen bis hin zu gar keinen Vorkenntnissen angefangen. Heute können sie eigenständig lesen und schreiben, sind zum Vorbild für andere geworden. Und die Nachfrage ist hoch. Die Gruppe entwickelt sich stetig weiter, wird größer, so dass sie nun in Anfänger und Fortgeschrittene aufgeteilt werden muss.

„Neben der Mutter- und Kind-Gruppe und den Alphabetisierungskursen bieten wir auch eine umfangreiche Sozialberatung an. Die Probleme, mit denen die Menschen zu uns kommen, sind ganz unterschiedlich. Einige haben Schulden, andere Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche oder Probleme mit dem Jobcenter. Darüber hinaus haben wir ein Angebot für die berufliche Weiterbildung. Wir helfen beispielsweise bei dem Weg in die Selbständigkeit, bieten ein Bewerbungscoaching an und bereiten auf Vorstellungsgespräche vor. Hier werden wir intensiv von der AWO unterstützt, wir arbeiten gut zusammen. Aber auch mit dem Jobcenter haben wir ein engmaschiges Netz aufgebaut. So konnten viele Jugendliche bereits erfolgreich eine Ausbildung abschließen.“

Christian hält kurz inne, draußen auf dem Flur hört man die Kinder toben, fröhlich und ausgelassen.

„Unsere Sozialberatung ist für unsere Klienten wichtig und wird gut angenommen. Sie haben das Gefühl, dass sie mit ihren Sorgen und Problemen nicht alleine sind.“

Und Probleme haben Sinti und Roma auch heute leider noch viele. Diskriminierung, Vorurteile, Stigmatisierung, Ausgrenzung.

Das beginnt damit, dass sie – wie schon erwähnt- oft noch als Zigeuner bezeichnet werden, obwohl dieser Begriff seit langem schon verboten ist. Sowohl die Sinti als auch die Roma haben jahrelang für ein Verbot dieses Begriffes gekämpft, Unterstützung haben sie dabei auch vom deutschen Zentralrat der Sinti und Roma erfahren.

„Ich und mein Verein, wir wollen uns dafür einsetzten, dass sich Sinti und Roma gut in die deutsche Gesellschaft integrieren. Dafür ist Bildung der Schlüssel. Und genau hier knüpfen wir mit unserem Angebot an. Uns geht es darum, Vorurteile und Berührungsängste abzubauen. Wir sind Anlaufstelle für alle Anliegen der Sinti und Roma. Und wir sind ein anerkannter Träger der freien Jugendhilfe, gehören darüber hinaus zur Diakonie Hamburg.“

Was kann noch getan werden, um die Situation der Sinti und Roma nachhaltig zu verbessern?

„Im Schulsystem muss mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden. Die Geschichte der Sinti und Roma sollte viel, viel ausführlicher behandelt werden. Die Jugend, die Heranwachsenden müssen flächendeckend informiert werden. Und ich würde mir ein Forum wünschen, welches die Veranstaltungen, die wir schon anbieten, noch weiterverbreitet. Und die Sinti und Roma selber müssen umdenken. Sie müssen erkennen, dass eine gute Schulbildung wirklich wichtig ist. Darüber hinaus brauchen wir Sinti und Roma auch in der Politik. Sie müssen Vorbild sein und zeigen, dass eine gelungene Integration möglich ist, ohne sich dabei als Sinti oder Roma zu verlieren.“

Das Konzept des Sinti–Verein Hamburg e. V. geht auf: Er fördert nachhaltig die Erziehung und Bildung der Sinti-Kinder und Jugendlichen, durchbricht den Kreislauf aus mangelnder Bildung und der damit verbundenen sozialen Ausgrenzung.

Sollten Sie Fragen zur Arbeit des Sinti-Vereins Hamburg e.V. haben, nutzen Sie bitte die folgenden Kontaktmöglichkeiten:


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Phone: 040/466 44 700

 

Text: Sophie Martin

Fotos: pixabay

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