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Jörn Menge blickt auf turbulente Jahre zurück: Er kennt sich bestens aus in der Hamburger Musik- und Konzertszene, hat Erfahrungen in der Werbung, im Marketing und in der Öffentlichkeitsarbeit gesammelt. Er selber sagt, dass er aus einer Nazi-Familie komme. Dies hat ihn unter anderem dazu bewogen, 2004 den Verein Laut gegen Nazis e.V. zu gründen. Doch was genau macht dieser Verein? Wie ist die rechte Szene in Deutschland überhaupt organsiert? Und was kann gegen den Rechtsruck getan werden? Jörn Menge gibt Antworten – offen, ehrlich und authentisch.

 

Wann sind Sie zum ersten Mal mit Rechtsfaschismus in Kontakt gekommen?

„Ich muss dazu sagen, dass ich aus einer regelrechten Nazi-Familie komme. Ich hatte richtige SS-Schergen in meiner Verwandtschaft, viele meiner Onkels waren Nazis, deren Eltern in der SS aktiv gewesen sind. Mit 12 Jahren war ich bei meinem Opa auf einer Geburtstagsfeier, diese Veranstaltung wurde zu einem einschneidenden Erlebnis. Plötzlich fing er an, rechtsextreme Parolen rauszuhauen, hetzte gegen Juden, verherrlichte den Holocaust. Zusammen mit seinen Gästen sprach er von glorreichen Zeiten und dass es schade sei, dass diese nun vorbei seien. Dieses Bild, wie er da auf dem Sofa saß und sich mit der flachen Hand auf den Schenkel klopfte, das habe ich immer noch in meinem Kopf. Mit meinen 12 Jahren wusste ich ja gar nicht, wovon überhaupt die Rede war. Also habe ich meinen Vater gefragt. Er sagte zu mir, dass ich dafür noch zu jung sei und schlug vor, mir in zwei, drei Jahren alles zu erklären. Doch das hat mir nicht gereicht, ich war neugierig. Also habe ich dann auf eigene Faust recherchiert und Nachforschungen angestellt. So habe ich zum Beispiel die Schreibtischschubladen meiner Großeltern durchwühlt und alte Briefe gelesen. Was ich dadurch herausgefunden habe, hat mich mehr als schockiert. Als ich 14 Jahre alt war, hat mein Vater mich mit in das KZ Neuengamme genommen. Der Besuch dort hat mich tief berührt. Doch zum damaligen Zeitpunkt hatten wir hier in Deutschland noch keine richtige Erinnerungskultur, das war Mitte der 80er Jahre und das KZ war eine Jugendvollzuganstalt. Dennoch war ich von nun an in Bezug auf den Rechtsextremismus sensibilisiert.“

 

Wie kam es zur Gründung des Vereins Laut gegen Nazis e.V.?

„Die Kampagne Laut gegen Nazis wurde 2004 gegründet. Ich hatte mich vorher schon im Projekt Mut gegen rechte Gewalt vom Stern engagiert, wollte aber gerne was Eigenes auf die Beine stellen. Anlass war ein großer Naziaufmarsch 2004 in Bayern, gegen den wir uns positionieren wollten. Für mich war es wichtig, dass wir ehrlich arbeiten. 2008 haben wir dann den Verein mit 16 Gründungsmitgliedern ins Leben gerufen. Wir wollten Zusammenschlüsse gegen den wachsenden Rechtsextremismus schaffen. Das ist jetzt zehn Jahre her. Heute würde ich sagen, dass wir uns gemeinsam gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Menschenverachtung und Rechtspopulismus stark machen müssen. Mir war von Anfang an klar, dass wir mit unserem Verein nicht viel Geld verdienen würden. Fakt ist, dass wir mit Laut gegen Nazis e.V. schon dreimal vor der Insolvenz standen. Und wir machen trotzdem weiter.“

 

Was bedeutet Ihnen der Verein heute?

„In diesem Verein steckt mein Herzblut, meine Leidenschaft und viel, viel Arbeit. Doch ehrlich gesagt, rentiert sich das Ganze häufig finanziell nicht. Ich hatte schon öfter den Gedanken, den Verein einzustampfen. Denn es geht auch an die Substanz, hat gesundheitliche, psychische Folgen. Wenn man die Miete, die Gehälter nicht mehr zahlen kann, das belastet, bereitet schlaflose Nächte. Aber es geht doch immer weiter, irgendwie.“

 

Was waren die bisher erfolgreichsten Projekte Ihres Vereins?

„Die Counter Speech Tournee 2016 gegen Hassreden im Netz war ein großartiges Projekt! Ziel war es, Hassreden im Internet mit sachlichen Argumenten zu bekämpfen. Wir haben also sechs deutsche Städte besucht und dort Konzerte und Workshops organsiert. Aber auch die Veranstaltung Hamburg steht auf war ein voller Erfolg.“

 

Das Angebot umfasst auch Beratungen. Wie sieht diese konkret aus?

„Uns erreichen täglich über die sozialen Netzwerke vier bis fünf Hilferufe von Initiativen, die Probleme mit Nazis haben. Es geht oft darum, dass die Nazis in den betroffenen Gemeinden sehr präsent sind, so gibt es beispielsweise Veranstaltungen und Kundgebungen von der AFD oder von den Identitären. Wir geben dann Tipps und Ratschläge, wie sich zu verhalten ist, was getan werden kann, um dem entgegenzuwirken. Es ist wichtig, Präsenz zu zeigen, auch auf die Straße zu gehen, nicht einfach nur tatenlos zuzusehen.“

 

Bei Naziaufmärschen organisieren Sie Gegendemonstrationen. Wie verhalten Sie sich, sollte die Situation eskalieren?

„Wir selber organisieren diese Demos ja nicht, wir begleiten sie vielmehr, rufen dazu auf, denn das ist unsere Pflicht. Und oft kommt es gar nicht zu einer Eskalation. Das stellen sich die Leute immer so vor, weil es dementsprechend medial aufgebauscht wird. Die Medien zeichnen einfach ein falsches Bild.“

 

Wie ist die rechte Szene in Deutschland organsiert?

„Zwischen all den rechten Gruppierungen in Deutschland gibt es natürlich große inhaltliche Unterschiede. Die AFD besteht beispielsweise aus Rechtspopulisten gespickt mit Nazis, die im Bundestag sitzen. Ihre Mitglieder sind superintelligent, dazu gehören Akademiker, die ein Elite-denken praktizieren um das völkisch, nationalsozialistische Gedankengut unter die Bevölkerung zu bringen. Andere rechte Gruppierungen arbeiten ähnlich. Und das macht sie so gefährlich.“

 

Von welcher rechten Gruppierung geht derzeit die größte Gefahr aus?

„Das ist ganz klar die Identitäre Bewegung. Sie besteht aus Nerds, aus hippen Nerds, die ein nationalsozialistisches, rechtsextremes und faschistisches Elitedenken vertreten. Man kann sie nicht unterscheiden, die sehen aus wie Facebook-Mitarbeiter, mit Vollbart und Laptop unter dem Arm. Sie transportieren viele versteckte Botschaften und agieren dabei hochintelligent. Natürlich sind sie vor allem im Netz sehr stark vertreten. Ihr Ziel ist es, die Welt zu verändern. Diese Szene hat ihren Ursprung in Frankreich. Und sie wächst rasant, vernetzt sich europaweit.“

 

Was kann man tun, um sich dem entgegenzustellen?

„Das, was alle machen sollten: Aufklärungsarbeit leisten, Informationen bereitstellen. Glücklicherweise gibt es Journalisten, die viel darüberschreiben, zum Beispiel Patrick Gensing. Aufdecken ist wichtig, zu zeigen: wer sind die Identitären überhaupt? Die Menschen müssen sensibilisiert werden. Die Identitären veranstalten zum Teil sehr aggressive Aktionen, die auf den ersten Blick jedoch gar nicht auffallen. Da muss man sehr vorsichtig sein und gut aufpassen. Ich persönlich kann mir schon vorstellen, dass die Identitären die neue Führungselite in der faschistischen Szene werden könnten. Dies gilt es natürlich zu verhindern.“

 

Man hört von der NPD nur noch wenig. Was ist aus ihr geworden?

„Man hat ja in der Vergangenheit mehrfach versucht, die NPD zu verbieten, aber sie bewegt sich immer nur am Rande der Verfassungswidrigkeit. Früher war die Partei sehr stark und gut organisiert, vor allem unter dem Hamburger Rechtsanwalt Jürgen Rieger. Rieger war Führungsperson, hat Geld in die Partei gebracht und sich um den Nachwuchs gekümmert. 2009 ist er gestorben, seitdem baut die Partei mehr und mehr ab. Mittlerweile ist sie sehr schwach, da die meisten ihrer Mitglieder nun die AFD unterstützen. Viele sagen, die NPD sei in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.“

 

Woran liegt das?

„Nun, die NPD war oft viel zu plump. Es war offensichtlich, dass ihre Mitglieder Holocaust-Leugner waren, echte Nazis halt. Die AFD agiert in dieser Hinsicht viel subtiler. Sie hatte zunächst mit Lucke einen smarten Professor, der rhetorisch sehr gewandt war, der die Leute in seinen Bann zog. Heute sind das Gauland und Weidel. Die NPD dagegen zeigt ihre antisemitische Haltung viel zu deutlich, ist zu aggressiv. Wir leben in einer Welt, in der plumpe Parolen auffallen und dass eher negativ. Die AFD und auch die Identitären leben ihr völkisches, antisemitisches Denken anders, subtiler aus. Und das mit Erfolg.“

 

Was verstehen wir unter Rechtspopulismus?

„Rechtspopulisten sind diejenigen, die ihre rechten Phrasen geschickt verpackt in unsere Gesellschaft tragen. All der Hass und all der Rassismus sind auf den ersten Blick nicht unbedingt als solche zu erkennen. Mit diesen Plattitüden erreichen die Rechtspopulisten dann ihre Zielgruppe und mobilisieren vor allem Mitläufer. Das macht sie so gefährlich.“

 

Das Interview führte Sophie Martin

Bilder: Pixabay/ Sophie Martin

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