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Der schüchterne, zurückhaltende Afghane Sayed (Name auf Wunsch geändert) lebt seit zwei Jahren hier in Deutschland. Die Flucht aus seinem Heimatland, das Leben dort in ständiger Angst vor erneuten Anschlägen und die Ungewissheit, was mit seiner Familie ist, beschäftigen den jungen Flüchtling sehr. Um all die traumatischen Ereignisse zu verarbeiten, malt Sayed. Und er schreibt eigene, lyrische und poetische Texte. Oft ist er traurig, niedergeschlagen - verständlicherweise. Wie es in ihm aussieht, welche Gedanken er in seinem Kopf hat und was er sich für die Zukunft wünscht, davon erzählt Sayed in dem folgenden Beitrag:

 

 

„Mein Name ist Sayed, ich bin 22 Jahre alt und komme aus Herat. Herat ist eine Stadt im Westen Afghanistans, sie ist nach Kabul die zweitgrößte Stadt des Landes, in ihr leben an die 500.000 Menschen. Doch es werden immer weniger, sie müssen fliehen, so wie ich. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder zurückkehren kann. Doch so, wie die momentane aktuelle politische und militärische Lage ist, wohl eher nicht. Das macht mich traurig, sehr traurig.

 

Manchmal sitze ich abends auf meinem kleinen Balkon, alleine, mit einer Zigarette in der einen und einer Tasse Tee in der anderen Hand. Jetzt, wo der Frühling da ist und es langsam wärmer draußen wird, wo die Nächte heller und kürzer sind. Dann sitze ich auf einer kleinen Holzbank, inhaliere den Rauch, lasse meine Gedanken schweifen während im Hintergrund leise Musik läuft, meistens etwas ruhiges, Lene Marlin höre ich in letzter Zeit oft. Manchmal weine ich und manchmal lächle ich, aber dann ist es ein schwermütiges Lächeln. Ich vermisse meine Heimat, ich vermisse sie mit jeder Faser meines Herzens.

 

Du fragst mich, wie ich mich fühle?

 

Entwurzelt. Ja, entwurzelt, dieses Wort beschreibt am besten, was ich empfinde. Ich bin rastlos, unruhig, weiß oft nicht, wohin mit mir, bin auf der Suche, ohne zu wissen, wonach. Ich sehne mich danach, anzukommen, einen Ort zu finden, an dem ich mich zu Hause fühlen kann. Mir fehlt meine Familie, meine Eltern, meine kleine Schwester. Doch wenn es für dich okay ist, möchte ich über sie nicht sprechen, es tut einfach zu sehr weh.

 

Das einzige, was mir hilft, wenn die Erinnerungen zu stark, zu präsent werden, ist die Malerei. Sitze ich vor meiner Staffelei, dann vergesse ich alles um mich herum, dann tauche ich hinein in eine andere Welt, in der es nur Farbe, Licht und Schatten, Muster und Formen gibt. Ich glaube, meine Bilder wirken bedrohlich und aggressiv, sie wühlen auf, sind beängstigend, verstörend. Deswegen zeige ich sie auch niemanden.

 

Und wenn gar nichts mehr geht, wenn die Dämonen zu stark, zu übermächtig sind, dann schreibe ich Tagebuch, auf Dari, nur so, für mich. Es entstehen oft seitenlange Texte, die Worte sprudeln einfach aus mir heraus, alles automatisiert sich. Das befreit, lässt meinen Kopf klarer werden. Ich mag den Umgang mit Sprache, mit Worten, formuliere gerne, arbeite an meiner Ausdrucksweise. Ich schreibe sowohl Lyrik als auch Prosa. Aber auch diese Texte zeige ich niemanden, sie sind zu intim, zu persönlich.

 

Ich bin dankbar, sehr dankbar, dass ich hier in Deutschland leben darf. Ich fühle mich hier sicher. Und Sicherheit ist ein hohes Gut. In Afghanistan gibt es keine Sicherheit, man lebt dort in ständiger Angst, Angst davor, dass die Bomben diesmal das eigene Haus treffen, dass die eigene Schwester verschleppt und vergewaltigt wird oder die Eltern hingerichtet werden. Und Afghanistan ist kein Rechtsstaat, keine Demokratie. Die Menschenrechte werden dort mit Füßen getreten. Hier bei euch ist das anders, ganz anders. Vor allem kann ich hier meine Meinung frei äußern, das ist ganz neu für mich, so etwas kenne ich nicht. Das Leben in Deutschland ist so friedlich, so ruhig. Und trotzdem gelingt es mir nicht, zu vergessen, obwohl ich mir das am allermeisten wünsche. Einfach nicht mehr an all die schlimmen Dinge denken zu müssen, sich keine Sorgen mehr machen zu müssen – das wäre toll.

 

Woran ich mich am meisten erinnere?

 

An die Stille danach. Diese trügerische, einen in falscher Sicherheit wiegende Stille, so kontrastreich zu dem Lärm der Bomben, der Maschinengewehre und der Panzer. Es war eine unheimliche, schwer auszuhaltende Stille. Sie hat mir Angst gemacht.

 

Ich bin nun seit ca. zwei Jahren hier in Hamburg, gehe zum Deutschkurs, lerne eure Sprache, was gar nicht immer so einfach ist. Ich würde gerne Abitur machen, um dann zu studieren, vielleicht Philosophie oder Literaturwissenschaften. Ich bemühe mich wirklich sehr, mich zu integrieren, Teil der deutschen Gesellschaft zu werden. Doch mein Herz wird immer für Afghanistan schlagen.

 

An dieser Stelle möchte ich mich bei dir bedanken, dafür, dass du das, was ich gesagt habe, aufgeschrieben hast. Vielen Dank.“

 

 

Text: Sophie Martin

Bilder: pixabay

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