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Natalie Niedoba studierte Religion und Kulturwissenschaften zunächst in Jena, jetzt macht sie ihren Master an der Universität Hamburg. Ich traf die 27-jährige in den Räumlichkeiten des leetHub St. Pauli e.V. bei einer Tasse Kaffee zu einem Gespräch über ihre Leidenschaft für das Reisen, über ihre Faszination für fremde Kulturen und darüber, was genau die NGO Start with a Friend macht, für die sie seit kurzem arbeitet.

 

 Magst Du Dich einmal kurz vorstellen?

„Mein Name ist Natalie Niedoba. Ich bin 27 Jahre alt und lebe seit circa drei Jahren hier in Hamburg. Davor habe ich in Jena studiert, war dann im Ausland, in Indien und in der Türkei.“

 

Was genau studierst Du?

„Meinen Bachelor habe ich in empirischer Kulturwissenschaft in Kombination mit dem Fach Religionswissenschaft absolviert. Im Master studiere ich Religion und Bildung mit dem Schwerpunkt auf interreligiösen Dialog.“

 

Was sind Deine Beweggründe, Religion zu studieren?

„Ich habe mich schon immer für Religion interessiert, bin in einem protestantischen Haushalt aufgewachsen und in meiner Jugend viel auf christlichen Freizeiten gewesen. Dort hatte ich Kontakt mit verschiedenen christlichen Strömungen. Nach meinem Abitur bin ich für ein Jahr nach Leicester gegangen. In dieser Stadt habe ich erlebt, wie verschiedenste Kulturen und Religionen zusammenleben. Das Stadtbild war wirklich sehr bunt, das fand ich spannend. Die indisch-pakistanische Community lebt Seite an Seite mit Christen und Muslimen. In einer Kirche habe ich mit der Organisation PAIS Jugendarbeit gemacht, was mich damals persönlich sehr geprägt hat.“

 

Du warst ja nicht nur in England, sondern unter anderem auch in Indien. Was genau hast Du dort gemacht?

„In Indien habe ich ein Praktikum beim Goethe-Institut gemacht, in der Kulturabteilung, habe zum Beispiel ein großes Streetart-Festival organisiert und verschiedene Theater- und Tanzaufführungen. Es ging um die Förderung von Kunst und Kultur. Dort habe ich natürlich viel über hinduistische Religionen und Alltagsreligiosität entdeckt.“ 

 

Du arbeitest derzeit an Deiner Masterarbeit. Verrätst Du uns, worum es da geht?

„In meiner Masterarbeit befasse ich mich mit den Tandempartnerschaften von Start with a Friend. Ich gehe der Frage nach, ob Religion eigentlich eine Rolle in diesen Beziehungen spielt. Sprechen die Tandems über Glaube? Wenn ja, hat dies dann Auswirkungen auf die Partnerschaft, zum Beispiel auf die Vertrautheit?“

 

Wie gehst Du dabei vor?

„Ich habe einen Leitfaden mit Fragen ausgearbeitet, die ich den Teilnehmern stelle. Im Grunde geht es mir darum, die Leute allgemein zu ihrer Tandempartnerschaft zu befragen: Welche Werte sind ihnen wichtig? Zunächst einmal erwähne ich den religiösen Aspekt gar nicht bewusst. Ich will schauen, ob das automatisch kommt. Der Begriff Religion kann auch sehr polarisierend sein. Beginnt mein Gesprächspartner aber von sich aus, darüber zu sprechen, dann greife ich dieses Thema auf. Es ist wirklich spannend zu beobachten, wie einige Tandempartner zum Teil sofort über Religion zu sprechen, während wieder andere ihr gar keine Beachtung schenken.“

 

Du reist gerne, bist viel unterwegs. Was reizt Dich daran?

„Mir gefallen einfach fremde Kulturen. Was ich aufregend finde, ist es, die Gemeinsamkeiten zu sehen und so herauszufinden, was sind eigentlich die kulturellen Eigenheiten und dann wiederum zu sehen, dass wir Menschen auch einfach die selben Bedürfnisse haben. Bedürfnisse nach Gemeinschaft und Sicherheit, nach Stabilität und natürlich auch nach Liebe. Spannend ist es, wie unterschiedlich diese Grundbedürfnisse eingekleidet werden. Reizvoll finde ich es, in Länder zu gehen, die für einen selbst anders sind, die fremd sind und auf die man sich völlig neu einstellen muss. Das gefällt mir sehr. Darüber hinaus beobachte ich gerne, wie verschiedene Probleme in den unterschiedlichen Gesellschaften gelöst werden, wie die Herangehensweise ist. Reisen ist immer eine Bereicherung.“

 

Wieviel Sprachen sprichst Du?

„Oh, gar nicht so viele. Deutsch und Polnisch sind meine Muttersprachen, natürlich beherrsche ich Englisch, darüber hinaus verstehe ich ein wenig Spanisch und Französisch.“

 

Du hast mehrere Monate in der Türkei verbracht. Was hat Dich in dieses Land geführt?
„Ich war zum Auslandsstudium dort, für ein Semester. Der erste Anreiz für mich, war es, in ein muslimisch geprägtes Land zu gehen. Aufgrund der politisch-brisanten Situation haben viele Leute den Kontakt zur Türkei abgebrochen. Das ist meiner Meinung nach der falsche Ansatz. Mit Akademikern, mit Leuten, die vielleicht eine andere Meinung haben, den Kontakt abzubrechen, das ist nicht richtig. Ich persönlich wollte gerne eine Brückenfunktion übernehmen, deswegen bin ich ganz bewusst an eine sehr konservative Universität gegangen. Ich habe also nicht an einer liberalen Universität studiert, sondern an einer privaten. Dort war ich eine der wenigen Christen, zwischen den vielen Muslimen, die ihre Religion sehr ernst genommen haben, nicht nur Ramadan oder das fünfmalige Beten am Tag, sondern auch im Kontakt zu mir als Nicht-Muslima. Auch die zwischenmenschlichen Begegnungen zwischen Mann und Frau war eher konservativ.“

 

Kanntest Du vorher jemanden in der Türkei?

„Ja jemanden der vor 10Jahren einen Schüleraustausch an meiner alten Schule gemacht hat. Aber ansonsten war ich auf mich alleine gestellt. Istanbul war auch eher so eine spontane Aktion. Ich hatte zuvor überlegt, nach Schweden zu gehen, um mich im Bereich Migrationsforschung zu vertiefen. Aber dann fand ich die Türkei doch reizvoller.“

 

Wie hast Du dort gelebt?

„Ich habe in einer WG gewohnt, die ich zuvor über Facebook gefunden habe.“

 

Wie hast Du die Stimmung in der Türkei zu dieser Zeit wahrgenommen?

„Ich war überrascht, dass es wirklich so polarisierend gewesen ist. Ich war da, als gerade das Referendum für die Umstellung zum Präsidialsystem stattgefunden hat. Die Leute waren entweder dafür oder dagegen, so habe ich den Wahlkampf wahrgenommen. Überall sah man Erdogan – Plakate, das war echt viel. Ich muss aber auch anmerken, dass das alltägliche Leben recht entspannt war, wenn man wollte, dann bekam man von der politischen Lage nichts mit.“

 

Wie bewertest Du die aktuelle Flüchtlingspolitik unserer derzeitigeren Regierung?

„Es ist schon traurig. Am Sonntag war ich bei der Kundgebung zur Seenotrettung hier in Hamburg mit circa 2000 anderen Teilnehmern. Natürlich wurde auch Seehofer und seine Kommentare dort thematisiert. Er ist meiner Meinung nach unhaltbar. Es ist wirklich schlimm, dass so jemand Innenminister ist, dass er die Leute im Land vertritt, anstatt das Land zu einen, Menschengruppen ausschließt und seinen eigenen vermeintlichen Vorteil daraus ziehen will. Ich bin kein großer Merkel-Fan, aber in dieser Hinsicht kann man sie unterstützen. Sorgen macht mir vor allem die AFD. Dass deren Parolen toleriert werden, dass dieses Gedankengut frei und offen kommuniziert wird. Die AFD ist mit einem ziemlich hohen Prozentsatz im Bundestag vertreten und hat sich erst einmal etabliert und wird nicht so schnell wieder verschwinden.“

 

Was in der Flüchtlingshilfe müsste besser werden?

„Es müsste ganz klar eine Konstanz geben, eine geregelte Migration wäre erstrebenswert. Wir müssen also an kooperativen Lösungen arbeiten. 2015 haben sich so viele Strukturen gebildet, es ist soviel entstanden, es wurde soviel Energie investiert um Versorgungssysteme aufzubauen. Doch jetzt kommen aufgrund der Abschottung Europas viel weniger Geflüchtete und als Folge werden Unterkünfte geschlossen und Mitarbeiter wieder entlassen.“

 

Gibt es auch Dinge, die gut laufen?

„Natürlich! Die ganzen Vereine und Institutionen, die sich gebildet haben, die vielen Ehrenamtlichen, die mit den Flüchtlingen arbeiten. Da ist seit 2015 wirklich viel passiert.“

 

Du arbeitest seit kurzem für die Initiative Start with a Friend. Was genau macht diese?

„Die große Vision ist, dass jeder Geflüchtete, der in Deutschland ankommt, einen Partner an seine Seite bekommt, einen Buddy, einen Freund. Start with a Friend hat klein angefangen, Ende 2014, also noch vor der großen Flüchtlingssituation. Die Initiative hat begonnen, ein Konzept zu entwickeln mit dem Ansatz, dass sich die Menschen in den Tandempartnerschaften auf Augenhöhe begegnen sollen. Dafür wurde ein ganz spezielles Matching-Verfahren entwickelt. Zuerst werden die Geflüchteten interviewt, in einem Einzelgespräch. Dann werden die Locals auf Localabenden getroffen und ebenfalls interviewt. Im nächsten Schritt wird geschaut, wer nach Interessen, nach Charakter, nach Hobbies und Freizeitaktivitäten zusammenpasst. Wir versprechen uns davon, dass die Vermittelten dann auch länger zusammenbleiben, eben weil sie Gemeinsamkeiten haben, etwas, was sie verbindet. Auf der einen Seite bekommen so Geflüchtete Hilfe und Unterstützung. Der Austausch mit den Deutschen, die Beschäftigung mit der deutschen Sprache und Kultur ist wirklich wertvoll. Die Deutschen wiederum lernen viel über anderen Kulturen, ob es nun die syrische, die afghanische oder die eriträische ist. Es wird gemeinsam gekocht, verschiedene Lebensphilosophien werden erläutert und interessante Gespräche geführt. Dieser Austausch ist also für beide Seiten sehr wertvoll. Start with a Friend fungiert also als Vermittler, unterstützt demnach aktiv, auch für den Fall, sollte es einmal Probleme geben. Wir stehen als Ansprechpartner zur Seite und bieten für die Community noch Veranstaltungen wie Stammtische und Ausflüge.“

 

Wie wird dieses Projekt finanziert?

„Einerseits durch private Spenden, aber auch durch größere Geldgeber wie zum Beispiel das Familienministerium. Dieses hat das Programm „Menschen stärken Menschen“, in dem viele Partnerschaftsprogramme untergebracht sind, unter anderem von der AWO, der Diakonie oder des Roten Kreuzes. Start with a Friend als NGO wird dadurch mitgefördert.“

 

Gibt es Start with a Friend überall in Deutschland?

„Ja, mittlerweile in mehr als 23 Städten, unter anderem hier in Hamburg, in Berlin, in Stuttgart, in Bremen, in Frankfurt und in Dresden, nur um einige zu nennen.“

 

Ist Dein Engagement bei Start with a Friend ehrenamtlich?

„Nein, ich bin in einem besonderen Programm, welches erst dieses Jahr gestartet ist. Es heißt Fellowship-Programm und als Fellow hat man eine Minijob-Stelle. Ziel ist es, die Teams vor Ort zu unterstützen, Ansprechpartner am jeweiligen Standort zu sein, dass wir uns um Organisatorisches und Administratives kümmern, vor allem aber um die Vermittlungen. Wir bekommen kontinuierliche Weiterbildung in Form von Workshops und Seminaren zum Beispiel zu dem Thema: Wie genau arbeiten eigentlich NGOs?“

 

Wie muss man sich einen typischen Arbeitstag vorstellen?

„Als festen Arbeitstag habe ich immer den Mittwoch. Im Grunde arbeite ich zehn Stunden pro Woche. Am Mittwoch starte ich also zunächst einmal damit, meine Mails zu checken: Was muss abgearbeitet werden? Danach mache ich mir eine To-Do-Liste und schaue, was ich an diesem Tag schaffen kann. Im Idealfall dauert das Durchschauen meiner Mails eine bis zwei Stunden. Als nächstes widme ich mich der Vermittlung. Einmal im Monat veranstalten wir einen Local-Abend, zu diesem Event kommen interessierete Locals, die gerne Geflüchtete kennenlernen möchten. Ich trage diese dann in unsere Datenbank ein und suche nach passenden Tandempartnern. Ein bisschen PR und die monatlichen Teamtreffen gehört auch noch dazu.“

 

Gibt es Sprachprobleme?

„Ja das kommt vor. Ist das Deutsch der Geflüchteten sehr schlecht, dann raten wir ihnen, zunächst einen Sprachkurs zu absolvieren und auch weitere Angebote zum Erlernen der deutschen Sprache wahrzunehmen, wie zum Beispiel die Sprachbrücke. Denn sonst ist eine Begegnung auf Augenhöhe nicht machbar.“

 

Wie viele Tandems habt ihr bis jetzt vermitteln können?

„In Hamburg über 330, bundesweit über 3700. Das ist schon eine Menge, aber der Bedarf von Geflüchteten-Seite ist noch groß.“

 

Was hast Du für die Zeit nach Deinem Studium geplant?

„Mit meiner Masterarbeit bin ich bald durch und die Arbeit bei Start with a Friend geht noch bis Ende des Jahres. Danach möchte ich ganz klar weiter in der Flüchtlingshilfe tätig sein, gerne auch wieder in einer NGO. Das ist es, was ich mir vorstelle.“

 

Das Interview führte Sophie Martin

Fotos: pixabay, Sophie Martin

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