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Wie fühlt es sich an, sein Heimatland verlassen zu müssen, sich auf eine gefährliche und lange Reise zu begeben, dessen Ausgang ungewiss ist? Alles, was man liebt, zurückzulassen, um sich in der Fremde ein neues Leben aufzubauen, alleine und auf sich gestellt? Von diesen traumatischen Erfahrungen berichtet der junge Syrer Ahmad (Name auf Wusch geändert) eindringlich und authentisch in dem folgenden Gespräch. Gleichzeitig erzählt er aber auch von dem Zauber, den ein solcher Neuanfang in sich hat, vom Ankommen, vom Finden neuer Freunde, und von der Angst, die hier langsam besser wird. Denn Ahmad hat es geschafft, sich zu integrieren, versteht sich mittlerweile als Teil der deutschen Gesellschaft. Dafür ist er dankbar.

 

 

Wenn Du die Stimmung, die Atmosphäre in Syrien beschreiben solltest, bevor Du dieses Land verlassen hast, welche Worte würdest Du wählen?

„Schrecklich ist das erste Wort, welches mir einfällt. Man fühlte sich unwohl, hatte ständig Angst, war voller Misstrauen. Es herrscht dort nach wie vor Krieg. Man weiß nie, was als Nächstes passiert, alles ist sehr unsicher.“

 

Den Alltag in Damaskus – wie muss man sich den vorstellen?

„Vor dem Krieg war eigentlich alles ganz okay, man hat gearbeitet oder halt studiert, traf sich mit seinen Freunden, abends im Café, hat gemeinsam etwas getrunken. Doch seit dem Krieg hat sich alles drastisch geändert. Einer meiner guten Freunde ist gestorben und ich habe viele weitere Freunde verloren, sie wurden inhaftiert. Zum Glück betrifft dies meine Familie nicht. Und überall waren Bomben und Raketen, es gab viele Grenzen, alles war sehr beengt, oft fühlte ich mich wie in einem Gefängnis. Und es war vor allem eins: gefährlich.“

 

Hattest Du viel Angst?

„Oh ja, gerade am Anfang des Krieges. Aber traurigerweise gewöhnt man sich daran, leider. Doch auch jetzt hier, im sicheren Deutschland, habe ich oft Angst um meine Familie. Man weiß einfach nie, ob sie den nächsten Tag überleben oder eben nicht. Diese ständige Ungewissheit belastet mich.“

 

Warum wurden Deine Freunde inhaftiert?

„Wir haben demonstriert, friedlich. Dann wurden sie von der Armee aufgegriffen und ins Gefängnis gesteckt. Ich kann froh sein, dass es mich nicht getroffen hat.“

 

Was genau hast Du in Damaskus gemacht? Hast Du gearbeitet oder die Universität besucht?

„Ich habe sowohl studiert als auch gearbeitet. Ich war selbstständig, zusammen mit einem Freund habe ich Medizinprodukte verkauft. An der Uni war ich für BWL eingeschrieben, habe das Studium jedoch leider nicht beenden können.“

 

Wie ist die Universität in Damaskus?

„Es ist eine ganz normale Universität. Man bekommt jedoch keine Unterstützung vom Staat, man muss alles selber finanzieren. Das Studium kann man also nur mit Geld schaffen. Das finde ich nicht gut.“

 

Wie ist Dir Deine Heimatstadt im Gedächtnis geblieben? Woran erinnerst Du Dich?

„Ich erinnere mich gerne an den Duft von Jasmin, die ganze Stadt roch danach, überall gab es diese Pflanzen. Und ich erinnere mich an meine Familie. Sie fehlt mir sehr, denn mit meinen Geschwistern und meinen Eltern war ich immer glücklich. Was mir jedoch negativ im Gedächtnis geblieben ist, ist der Blick von meinem Balkon: Ich habe von dort direkt auf die Grenze geschaut, habe gesehen, wie die Menschen kontrolliert wurden. Das hat mir Angst gemacht.“

 

Wie hast Du Deine Flucht nach Deutschland wahrgenommen?

„Ich habe mit ein paar Freuden gesprochen, gemeinsam haben wir unsere Flucht geplant. Wir sind zunächst mit dem Bus von Damaskus in den Libanon gefahren, das Ganze hat an die zehn Stunden gedauert, wir wurden mehrfach kontrolliert, hatten immer Angst, dass wir nicht weiterkommen, es war sehr mühsam und anstrengend. Vom Libanon ging es dann mit der Fähre weiter in die Türkei, hier waren wir nochmals 24 Stunden unterwegs. Das nächste Ziel war dann Griechenland und von dort sind wir nach Mazedonien gereist. Zwischendurch mussten wir immer wieder zu Fuß laufen, es war heiß und beschwerlich. Schließlich sind wir dann in Wien, Österreich angekommen. Dort haben wir Kontakt mit einem Schlepper aufgenommen, denn der legale Weg über die Behörden war uns zu unsicher. Insgesamt habe ich über 1.500 Euro für meine Flucht bezahlt. Das ist wirklich sehr viel Geld. Von Wien ging es mit dem Zug weiter nach Deutschland.“

 

Was hast Du aus Deiner Heimat mitgenommen?

„Ich habe natürlich Kleidung mitgenommen. Und Sachen die mich an meine Familie erinnern, Fotos und solchen Kram. Und ich hatte ein Notfallpacket mit Medikamenten dabei. Aber unterwegs musste ich ganz viele Sachen wegschmeißen. Als ich dann in Deutschland angekommen bin, hatte ich nur noch eine kleine Tasche bei mir.“

 

Was war Dein erster Gedanke, als Du in Deutschland eingereist bist?

„Als ich hier angekommen habe, habe ich mich gefreut, es war ein schöner Moment. Ich war glücklich und erleichtert, hatte das Gefühl, etwas geschafft zu haben, habe mich sehr erleichtert gefühlt. Gleichzeitig war ich natürlich auch verunsichert, weil alles neu gewesen ist.“

 

Wo hast Du in Deiner ersten Zeit hier in Hamburg gelebt?

„Zuerst war ich in der Flüchtlingsunterkunft in den Messhallen. Es war schwierig, man hatte so gut wie keine Privatsphäre. Später bin ich dann in einen Container umgezogen. Das war wesentlich besser, jeder hatte ein eigenes Bett und einen eigenen Schrank. Und man konnte die Tür schließen. Vor eineinhalb Jahren habe ich meine Freundin kennengelernt, wir sind zusammengezogen, teilen uns jetzt eine Wohnung in Wilhelmsburg.“

 

Dein Deutsch ist gut – wie schwer war (oder ist) es für Dich, diese Sprache zu lernen?

„Oh, es ist sehr schwer! Die deutsche Sprache ist komplex und komplett anders, als meine Muttersprache. Am Anfang konnte ich gar nichts, habe nichts verstanden. Ich konnte keine Sprachschule besuchen, weil meine Papiere nicht fertig waren, die Behörden haben Stress gemacht. Doch als ich dann endlich einen Deutschkurs an der VHS machen durfte, habe ich schnelle Fortschritte mit der deutschen Sprache gemacht. Da ich jetzt auch arbeite, wird mein Deutsch von Tag zu Tag besser, der Job hilft wirklich viel. Anfangs war ich oft traurig, weil ich mich nicht verständigen konnte. Doch das ist vorbei.“

 

Hast Du ein deutsches Lieblingswort?

„Ja, mir gefällt das Wort Quatsch. Ich weiß nicht, warum, aber ich mag es einafch. Und das Wort Schmuddel hat es mir angetan. Ich mag den Klang.“

 

Die Medien sprechen viel von Integration – fühlst Du Dich gut integriert?

„Eigentlich habe ich keine großen Probleme mit der Integration. Doch es gibt immer wieder Tage, an denen ich mich nicht so gut integriert fühle. Aber ich gebe mein Bestes. Ich arbeite hart daran, mich auch weiterhin gut zu integrieren.“

 

Was hilft Dir dabei, Dich zu integrieren?

„Mein Interesse an der deutschen Kultur. Ich diskutiere mit den Leuten, tausche mich aus, suche das Gespräch. Und ich gehe gerne aus, auf Partys oder zum Tanzen, bin kontaktfreudig. Dadurch habe ich viele deutsche Freunde gefunden, mit denen ich Deutsch spreche und die mich korrigieren, wenn ich Fehler mache. Und die Beziehung zu meiner Freundin – sie ist Deutsche – hilft mir auch bei der Integration. Durch sie lerne ich viel über die deutsche Kultur.“

 

Was ist der größte Unterschied zwischen dem Leben hier in Deutschland und dem in Syrien?

„Deutschland ist viel, viel sicherer. Und es ist ein demokratischer Staat. Die Politik hier ist viel besser, es gibt viele verschiedene Parteien, die man wählen kann. Das kenne ich aus Syrien nicht. In Syrien gibt es nur eine Partei unter Assad. Assad ist ein Diktator. Und in Deutschland herrscht kein Krieg. Außerdem kann man seine Meinung frei äußern, ohne Angst vor Konsequenzen haben zu müssen. Ja, das sind wohl die größten Unterschiede.“

 

Durch Europa geht derzeit ein Rechtsruck – spürst Du davon etwas? Wirst Du manchmal aufgrund Deiner Herkunft diskriminiert oder ausgegrenzt?

„Ja, manchmal. Wenn ich zum Beispiel mit der Bahn fahre, verstecken manche ihre Tasche, sie haben wohl Angst, ich würde sie beklauen. Es macht mich traurig, wenn die Menschen mir misstrauen. Aber von größeren Diskriminierungen bin ich nicht betroffen – zum Glück.“

 

Du hast Dir ein Leben in Deutschland aufgebaut, Du arbeitest, hast Freunde gefunden. Wie schwer war das für Dich?

„Das war definitiv richtig schwer, gerade mein erstes Jahr hier in Deutschland, vor allem wegen der Sprache. Ich konnte nicht klar sagen, was ich wollte, konnte mich nicht ausdrücken: Wer bin ich, was will ich? Aber ich habe einfach immer weiter probiert, habe mich nicht unterkriegen lassen, auch wenn die Dinge nicht gleich beim ersten Mal geklappt haben. Und mit der Zeit ist alles besser geworden, ich bin angekommen.“

 

Vermisst Du Deine Heimat manchmal?
„Ja, klar, jeden Tag. Damaskus ist und bleibt mein Zuhause. Vor allem meine Familie fehlt mir und natürlich meine Freunde. Ich denke viel an sie. Wir telefonieren und skypen oft, doch manchmal haben Sie keinen Strom und auch das Internet funktioniert oft nicht. Wenn ich in den Nachrichten von neuen Anschlägen in Damaskus höre, mache ich mir große Sorgen. Dann rufe ich an, um mich zu vergewissern, dass alle wohlauf sind.“

 

Was sind Deiner Meinung nach die größten Probleme in Syrien?

„Es kämpfen dort so viele unterschiedliche Gruppierungen gegeneinander, die Rebellengruppen von Assad, der IS. Jeder macht, was er will, es fließt viel Blut, die Kämpfe sind brutal. Und viele andere Länder, wie Russland, die USA oder auch der Iran mischen sich ein, kämpfen auf unserem Boden. Das macht es nicht besser.“

 

Was müsste passieren, damit sich die Lage entspannt?

„Sie müssen aufhören, gegeneinander zu kämpfen, aufhören, zu töten, der Gewalt ein Ende setzten. Man sollte die Konflikte mit Diskussionen und Diplomatie losen. Worte statt Gewalt.“

 

Verfolgst Du die Situation in Syrien über die Medien?

„Ja, auf jeden Fall. Aber man muss vorsichtig sein, es gibt viele Fake News, gerade in den sozialen Netzwerken. Manchmal weiß ich gar nicht, was ich eigentlich glauben soll. Man muss kritisch bleiben. Oft gehen mir die Nachrichten sehr nahe. Dann schalte ich den Fernseher aus.“

 

Kannst Du Dir vorstellen, irgendwann einmal nach Damaskus zurückzukehren?

„Ja, manchmal. Aber so lange Krieg ist, wohl eher nicht. Wenn ich jetzt zurückgehen würde, würde ich sofort vom Militär eingezogen werden. Ich müsste dann für Assad kämpfen. Und das möchte ich auf gar keinen Fall. Ich möchte niemanden töten, niemals. Ich bin überzeugter Pazifist.“

 

Was wünscht Du Dir für die Zukunft Syriens?
„Dass der Krieg aufhört, dass Demokratie eine Chance bekommt. Und dass die Bevölkerung all das Schreckliche vergessen kann. Ich weiß, dass dies wohl schier unmöglich ist. Aber es ist, was ich mir für Syrien wünsche. Irgendwann einmal.“

 

Das Interview führte Sophie Martin

Fotos: pixabay

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