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Mexiko ist ein Land der Kontraste: Auf der einen Seite die immens hohe Kriminalität, überwiegend bedingt durch die Drogenkartelle, aber auch durch Armut und Perspektivlosigkeit. Auf der anderen Seite die wunderschöne Kultur der Maya, die bis heute in vielen Teilen des Landes sichtbar ist und Mexiko zu einem beliebten Reiseziel für Touristen aus der ganzen Welt macht. Doch wie gefährlich ist Mexiko tatsächlich?

 

Basisfakten zu Mexiko

Mexiko ist ein Land im Norden Amerikas. Die Bundesrepublik umfasst insgesamt 31 Bundesstaaten, hinzu kommt das Hauptstadtdistrikt Mexiko-Stadt. Mexiko grenzt im Norden an die USA, im Süden und Westen an den Pazifischen Ozean, im Südosten an Guatemala, Belize und das Karibische Meer sowie im Osten an den Golf von Mexiko.

 

Mit einer Gesamtfläche von fast zwei Millionen Quadratkilometern ist Mexiko das fünfgrößte Land auf dem amerikanischen Doppelkontinent. Etwa 120 Millionen Menschen leben in Mexiko, davon sind über 80 Prozent europäisch-indigener, 11 Prozent indigener sowie fünf Prozent europäischer Abstammung. Die Amtssprache ist Spanisch, es wird von 91,7 Prozent der Bevölkerung gesprochen. Seit 2003 werden jedoch 62 weitere, indigene Sprachen als Nationalsprachen anerkannt.

 

Der Drogenkrieg in Mexiko

Unter dem Drogenkrieg in Mexiko versteht man die bewaffneten Konflikte, die von den mexikanischen Polizei- und Militäreinheiten gegen die Drogenkartelle als auch von den Angehörigen der Drogenkartelle unter einander ausgetragen werden. In den vergangenen zehn Jahren forderten diese blutigen Auseinandersetzungen an die 200.000 Opfer, darunter viele Zivilisten. Seit 2010 wird der Konflikt von dem Heidelberger Institut für internationale Konfliktforschung als ein innerstaatlicher Krieg eingestuft. Zu diesem Zeitpunkt wies die mexikanische Armee eine Stärke von 50.000 Soldaten auf und kämpfte gemeinsam mit den 35.000 Beamten der Bundespolizei gegen 30.000 Angehörige der Drogenkartelle.

 

Die Drogenkartelle verfügen über paramilitärische Einheiten, was sie so gefährlich macht, denn ihre Ausrüstung ist hochmodern, sie benutzen unter anderem Maschinengewehre, Granatwerfer und Handgranaten.

 

Die Zeit von 2000 bis 2006 markiert die Amtszeit von Vicente Fox. In diesen sechs Jahren wurden über 9000 Menschen im Drogenkrieg getötet. Doch trotz dieser alarmierenden Zahl verhielt sich die Regierung unter Fox passiv und schritt nicht ein. Als jedoch 2006 Felipe Calderón sein Amt antrat, sollte sich dies ändern, Calderón erklärte den Kampf gegen die Drogenkartelle zu einer seiner wichtigsten Angelegenheiten. Und er handelte sofort: Noch im Dezember 2006 schickte er 6500 Soldaten in den westlichen, in Zentralmexiko liegenden Bundesstaat Michoacán. Seine Soldaten sollten die gewaltsamen und blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Drogenkartellen beenden. Dieser Akt steht für den Beginn des Drogenkrieges zwischen dem mexikanischen Staat und den Drogenkartellen. Doch wer sind die Akteure in diesem Konflikt?

 

Selbstverständlich sind die Polizei und das Militär involviert. Zur Polizei gehören insgesamt über 430.000 Beamte, die meisten von ihnen arbeiten für die Munizipalpolizei und sind oftmals schlecht ausgebildet und schlecht bezahlt, was sie leicht anfällig für Korruption macht. Die restlichen 34.500 Beamte gehören zur Bundespolizei, auch sie gelten als korrupt. Schätzungen zufolge arbeiten etwa fünf bis 15 Prozent der Sicherheitskräfte mit den Kartellen zusammen. Das mexikanische Militär ist mit 200.000 Soldaten relativ groß. Etwa ein Viertel dieser Soldaten sind in den Drogenkrieg involviert.

 

Und es gibt Bürgermilizen in Mexiko. Sie traten erstmals 2013 im Bundesstaat Guerrero in Erscheinung, heute gibt es sie in fast allen 31 Bundesstaaten. Diese Bürgermilizen sind autonom organisierte Selbstverteidigungsgruppen, die für die öffentliche Sicherheit sorgen und sich gegen Erpressungen, Entführungen und Gewaltdelikte durch die Drogenkartelle zur Wehr setzen wollen.

 

Hauptakteur im Drogenkrieg sind die Drogenkartelle. Sie bekämpfen sich unter einander oder sind in Kämpfe gegen die Sicherheitskräfte verstrickt. Das mächtigste Kartell ist das Sinaloa-Kartell.

 

Es entstand in den 1990er Jahren zusammen mit dem Golf-Kartell, dem Juárez-Kartell sowie dem Tijuana-Kartell. Zu den neueren Kartellen gehören das Beltrán-Leyva-Kartell sowie das Familia Michocana und das Los Zetas.

 

Alle diese Drogenkartelle agieren verschieden, haben unterschiedliche Strukturen und Strategien. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie mit äußerster Gewalt gegen ihre Gegner vorgehen. Die Kartelle finanzieren sich nicht nur durch den Drogenhandel, sie haben noch weitere Einnahmequellen aus anderen kriminellen Machenschaften wie den Schutzgelderpressungen und Entführungen. Die Schutzgelderpressung, auch Narcocuota genannt, wird erst seit wenigen Jahren angewendet. 2007 begann das Kartell Los Zetas mit dieser Praktik, aktuell zahlt jedes Geschäft in Mexiko Schutzgeld, ganz gleich, ob es in die Drohgengeschäfte verwickelt ist oder nicht.

 

Und Entführungen spielen eine große Rolle. Meist sind es zentralamerikanische Migranten, die auf ihrem Weg in die USA entführt werden. Viele dieser Migranten gehören zu den nicht identifizierbaren Todesopfern des Drogenkrieges, sie werden in Massengräbern in ganz Mexiko begraben. Die, die nicht getötet werden, werden oft zur Mitarbeit in den Kartellen gezwungen und vor allem Frauen müssen sich prostituieren.

 

Hinzu kommt, dass die Kartelle oft auch mit lateinamerikanischen Gangs wie der Mara Salvatrucha oder der Mara 18 zusammenarbeiten. Die Gangs sind zuständig für den Vertrieb der Drogen und sie kontrollieren bestimmte Stadtgebiete. Außerdem sind sie verantwortlich für die Ausbeutung von Migranten, die von Zentralamerika über Mexiko in die USA reisen.

 

Der Hauptteil aller Drogen gelangt von Mexiko aus in die USA. Mexiko ist vor allem Transitland für das Kokain aus Kolumbien. Etwa 90 Prozent des Kokains gelangt über die mexikanische Grenze in die USA. Seit die Nachfrage nach Kokain in den USA zurückging, erschlossen sich die Kartelle neue Absatzmärkte in Mexiko selbst. Seitdem wird in den Bergen illegal Marihuana und Schlafmohn zur Herstellung von Heroin angebaut. Aber auch die Produktion von synthetischen Drogen hat stark zugenommen mit der erschreckenden Folge, dass immer mehr Mexikaner Drogen konsumieren und in die Drogengeschäfte verwickelt sind. Nicht nur korrupte Beamten und Polizisten ziehen Profit aus diesen illegalen Machenschaften, auch gerade junge Mexikaner lassen sich mangels hoher Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit mit den Drogenkartellen ein.

 

Das Sinaloa-Kartell

Im Laufe der 1980er Jahre kam es zu einer Professionalisierung des Drogenhandles in Mexiko. Waren es früher überwiegend kolumbianische Kartelle, die die Drogen (hauptsächlich Kokain, Heroin und Marihuana) in die USA schmuggelten, mischte sich jetzt Mexiko massiv in den Drogenhandel ein. Der ehemalige Polizeibeamte Miguel Ángel Felix Gallardo ist Vorreiter und Pionier im Bereich des Drogenhandels. Zusammen mit seinen Partnern Ernesto Fonseca Carrillo und Rafael Caro Quintero gründete er das Guadulajara-Kartell, welches zu diesem Zeitpunkt den gesamten Kokainhandel in Mexiko beherrschte. 1998 wurde Gallardo von der Polizei inhaftiert, das Guadulajara-Kartell löste sich auf und es schien, als wäre der Drogenhandel zunächst zerschlagen. Doch alle der fünf verbliebenen Drogenbosse strebten nach mehr Einfluss, nach mehr Macht, sie konnten sich nicht einigen, also entstanden verschiedene, kleinere Splitterorganisationen, unter anderem das Sinaloa-Kartell (sowie das Golf-Kartell, das Tijuana-Kartell und das Juárez-Kartell). Trotz zahlreicher blutiger Auseinandersetzungen zwischen diesen Kartellen entwickelte sich das Sinaloa-Kartell zum einflussreichsten und mächtigsten Kartell in der Geschichte Mexikos. Heute hat es seine Basis in der Stadt Culiacán im Bundesstaat Sinaloa im Westen Mexikos und ist gleichzeitig in über 20 weiteren Bundesstaaten sowie über die Grenzen Mexikos hinaus aktiv. Das Sinaloa-Kartell bekommt derzeit Unterstützung von diversen mexikanischen Behörden und dies sowohl auf kommunaler als auch auf regionaler Ebene, sogar auf Bundesebene. Im Verborgene wird sogar vermutet, dass Präsident Calderón in geheimer Mission mit den Führern des Sinaloa-Kartells zusammengearbeitet hat. Denn während sich die anderen Kartelle brutale und blutige Kämpfe mit den mexikanischen Streitkräften lieferten, blieb das Sinaloa-Kartell weitestgehend verschont. Mittlerweile zählt es zu den mächtigsten Organisationen im Drogenhandel weltweit. Zwischen 1990 und 2008 wurden über 200 Tonnen Kokain importiert und vertrieben.

 

Die Menschenrechtslage in Mexiko

Streitkräfte des Militärs und die Polizei verüben immer wieder massive Menschenrechtsverletzungen insbesondere an Menschenrechtsaktivisten und Journalisten. Folter und Misshandlungen sind hierbei an der Tagesordnung, ebenso das Verschwindenlassen von Kritikern. Im Jahr 2016 galten über 2700 Personen als vermisst, von ihnen fehlt bis heute jede Spur. Nur selten kommt es in diesen Fällen zu einer Aufklärung von Seiten der Behörden. Diese unternehmen nichts, um die Opfer aufzufinden, die Verbrechen bleiben bis auf wenige Ausnahmen- straflos. Zwar wurde im Oktober eine Sonderstaatsanwaltschaft, die Fiscalía Especializada, gebildet. Sie soll sich mit Fällen verschwundener und vermisster Personen befassen. Ihre Arbeit wird jedoch durch die weitverbreitete Korruption massiv behindert, eine objektive Aufklärung der Fälle ist dadurch nicht möglich.

 

Darüber hinaus stellt die organisierte Kriminalität ein immenses Problem dar. In diesem Kontext kommt es immer wieder zu gewaltsamen Ausschreitungen und Morden. Im Jahr 2015 wurden offiziell 36126 Menschen getötet, die Dunkelziffer dürfte weitaus größer sein. Damit bleibt Mexiko für kritische Journalisten und Menschenrechtsaktivisten eines der gefährlichsten Länder der Welt. Von den Behörden werden diese Morde vertuscht und sie bemühen sich nur in den seltensten Fällen, diese aufzuklären. So wurden beispielsweise 2016 mehrere Journalisten, die sich mit problematischen Themen wie der Korruption und dem Verschwindenlassen ihrer Kollegen beschäftigten, getötet. Fakt ist, dass Journalisten keinen angemessenen Schutz erhalten. Und die Verantwortlichen für Drohungen, Angriffe und Mord bleiben weitestgehend straffrei. Das führt dazu, dass viele der Betroffenen aus ihren Heimatstädten fliehen oder aus Angst vor Repressalien ihre Arbeit niederlegen.

 

Mexiko als Transitland

Mexiko ist Transitland für Migranten aus Zentralamerika, sie stammen vor allem aus El Salvador, Guatemala, Honduras und Nicaragua. Jährlich überqueren etwa 150.000 Menschen ohne Papiere die Südgrenze zu Mexiko. Das ist die offizielle Zahl. Die Dunkelziffer jedoch ist mehr als doppelt so hoch: Schätzungen zu Folge handelt es sich um an die 400.000 Migranten. Durch Mexiko verläuft in Richtung USA der weltweit größte Migrationsstrom. Besorgniserregend ist die zunehmende Beteiligung der Drogenkartelle am Schmuggel von Migranten, es agieren gut organisierte Schleppernetzwerke, denn der Handel mit Menschen ist ein lukratives Geschäft. So ist beispielsweise das Grenzgebiet zwischen Mexiko und Guatemala nicht sehr gut passierbar und wird daher gerne von den Kartellen sowohl für den Menschenschmuggel als auch für den Schmuggel von Drogen und Waffen genutzt. Haben es die vielen Flüchtenden schließlich bis in den Norden Mexikos geschafft, gilt es eine weitere, letzte Hürde zu überwinden: Die Grenze zur USA. Die meisten von ihnen reisen auf dem kürzesten Weg durch Mexiko und überqueren die Grenze zur USA in Texas. Hier wird auch das meiste Kokain in die USA geschmuggelt. Dieses Grenzgebiet wird von dem Golf-Kartell kontrolliert. Es wird davon ausgegangen, dass die Migranten von dem Kartell als Drogenkuriere missbraucht werden. Im Gegenzug dazu dürfen sie dann die Routen des Kartells benutzen. Genaue Zahlen zu diesem Sachverhalt liegen jedoch nicht vor.

 

Trump und seine Idee vom Bau einer Mauer

Der neue US-Präsident Donald Trump ist derzeit dabei, den Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko einzuleiten. Dieses Vorhaben gehört zu einem seiner zentralen Wahlkampfversprechen. Die Mauer soll als Schutz gegen illegale Einwanderer dienen. Es ist wohl das größte staatliche Bauprojekt in den USA seit der Errichtung der Hoover-Talsperre zwischen Nevada und Arizona (in den Jahren 1993 bis 1935). Seinen Wählern verspricht Trump durch dieses Projekt die Erschaffung vieler neuer Arbeitsplätze. Und gleichzeitig weiß Trump, dass der Mauerbau teuer wird. Sehr teuer. Über die tatsächliche Höhe der Kosten gibt es bisher nur unkonkrete Schätzungen, es wird von Zahlen zwischen 15 und 25 Milliarden US-Dollar ausgegangen. Denn bis dato sind viele Details noch nicht geklärt, so gibt es unter anderem Streitigkeiten über Höhe und Breite der Mauer und auch die Materialfrage ist noch nicht endgültig beschlossen. Absurd ist jedoch mit Sicherheit die Tatsache, dass Trump während seines Wahlkampfes immer wieder erklärt hatte, dass Mexiko selbst für die Kosten des Mauerbaus aufkommen soll. Diese Forderung wies der aktuelle mexikanische Präsident Pena Nieto jedoch scharf zurück. Doch womit begründet Trump diese Forderung? Der amerikanische Präsident beruft sich hierbei auf die angeblich so hohen Kosten, die die Mexikaner jedes Jahr durch illegale Einwanderung, Kriminalität und Drogenhandel in den USA verursachen.

 

Die Idee eines Mauerbaus ist allerdings nicht neu, ganz im Gegenteil, bereits 1994 errichtete der damalige Präsident Clinton erste Metallzäune, unter Bush kam es dann sogar zu einem Sicherheitszaungesetzt (2006). Für sieben Milliarden Dollar wurden auf einer Strecke von über 1100 Kilometer an der Grenze zwischen Mexiko und den USA Grenzanlagen errichtet.

 

Neben den immensen Kosten für den Mauerbau Trumps spielt auch der Zeitfaktor eine nicht unerhebliche Rolle, Experten gehen davon aus, dass seine Mauer sollte sie tatsächlich gebaut werden genau dann fertig sein wird, wenn in den USA die neuen Präsidentschaftswahlen anstehen.

 

Text: Sophie Martin   Fotos: Alan Basurtto (sie zeigen die Stadt Cuanajuato in Zentralmexiko)

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