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Der Deutsche Hans J. (Name geändert) war als Soldat der Bundeswehr für längere Zeit in Afghanistan stationiert und hat hautnah erlebt, was es heißt, sich Gefechte und Kämpfe mit den Taliban zu liefern. Aber auch Sayed P. (Name ebenfalls geändert), der in Afghanistan geboren ist, hat die bittere Erfahrung machen müssen, der Willkür und dem Terror der Taliban schutzlos ausgeliefert zu sein. 2015 kam er schließlich als Flüchtling nach Deutschland und fand Zuflucht. In dem folgenden Gespräch erzählen die beiden authentisch und bewegend von den traumatischen und prägenden Eindrücken, die der Krieg in dem Land am Hindukusch bei ihnen hinterlassen hat.

 

Welchen Bezug haben Sie zu Afghanistan?

Hans J.:

Ich war dort in zwei Einsätzen stationiert, die jeweils sechs Monate gedauert haben, einmal 2011 und später noch einmal im Jahr 2014, jeweils im fünften Kontingent. Wir waren für die Städte Mazar-e-Sharif und Kandahar zuständig.“

Sayed P.:

Afghanistan ist meine Heimat. Ich bin dort geboren und aufgewachsen. Seit nun einem Jahr befinde ich mich in Deutschland.“

 

Wie haben Sie den Alltag in Afghanistan erlebt?

Hans J.:

Wir sind in den ersten zwei, drei Wochen Patrouille gefahren, danach wurde wir in den Innendienst versetzt. Der bestand aus Kampfausbildung, Fitness und Entspannung. Es gab sogar ein Kino, in dem westliche Filme gezeigt wurden. Dieses Kino befand sich in einem Gebäude nach europäischen Standards. Eigentlich fehlte es uns an nichts, es gab Toiletten und Strom, fließend Wasser und Duschen, sogar ein kleiner Einkaufsladen war für uns zugänglich. Wir waren auf einem europäischen Standort untergebracht, besonders mit den amerikanischen Kameraden habe ich mich gut verstanden, wir haben uns auf Englisch unterhalten. Im Endeffekt saßen wir alle im selben Boot. So etwas schweißt zusammen. Ich muss an dieser Stelle betonen, dass 2014, bei meinem zweiten Einsatz, die Lage wesentlich chaotischer und unübersichtlicher gewesen ist. Es gab viele Anschläge, mehrere Kameraden kamen hierbei ums Leben. Die gesamte Situation war sehr instabil, die Taliban hatten wieder an Stärke gewonnen. Zu dieser Zeit befanden wir uns permanent unter Feuer.“

Sayed P.:

Ein normales, alltägliches Leben ist in Afghanistan kaum möglich, die Gefahr lauert überall. Ich bin zwar in Afghanistan zur Schule gegangen, musste aber Anfang der 12. Klasse diese abbrechen. Es ist etwas Schreckliches passiert, jemand in meiner Familie wurde getötet, deswegen konnte ich die Schule nicht beenden, was ich nach wie vor sehr traurig finde. Aber auch mein Leben war in Gefahr. Aus diesem Grund musste ich fliehen, hierher nach Deutschland.“

 

Inwieweit war dieser Alltag von Angst geprägt?

Hans J.:

Angst ist für einen Soldaten ein drastisches Wort, ich würde es eher als ein sehr bedrückendes Gefühl beschreiben. Wir sin gut genug ausgebildet, um mit der Angst angemessen umzugehen. Und man gewöhnt sich an alles. Auch an dieses beklemmende, bedrückende Gefühl.“

Sayed P.:

Die meisten Menschen in Afghanistan haben Angst, Angst vor dem Krieg, vor dem Terrorismus. Ich auch. Ich hatte große Angst. Die Situation war sehr angespannt und das, was meiner Familie angetan wurde, war für mich wirklich beängstigend. Die Taliban sind sehr gefährlich. Sie wollten auch mich töten. Deswegen gab es in meinem Heimatland keine Zukunft für mich.“

 

Wie hat der allgegenwärtige Anblick von Krieg und Zerstörung auf Sie gewirkt?

Hans J.:

Oh, das war teilweise schon echt schrecklich! So etwas lässt sich auch mit Worten nicht beschreiben, das muss man mit eigenen Augen gesehen haben. Es ist auf jeden Fall ganz anders, als wie es in den Medien immer dargestellt wird.“

Sayed P.:

Oh, es war schrecklich, ich will darauf gar nicht näher eingehen. Nur so viel: es sind Bilder, die man nie vergisst!“

 

Wie würden Sie die aktuelle Situation in Afghanistan mit ihren eigenen Worten beschreiben?

Hans J.:

Es ist wirklich traurig, aber es ist Fakt: Es hat sich nichts geändert, alles ist so, wie es war, bevor unsere Truppen dort stationiert gewesen sind. Auch jetzt, zwei Jahre nach meinem letzten Einsatz in Afghanistan, ist das Land nicht auch nur ein kleines wenig stabiler geworden. Das traurig, aber die Realität.“

Sayed P.:

Die aktuelle Situation in Afghanistan ist, wie ich es eben schon erwähnt habe, geprägt von Angst. Der Krieg dauert nun schon so lange und ein Ende ist nicht in Sicht. Das lässt die Menschen verzweifeln. Die Lage hat sich massiv verschlechtert.“

 

Abschiebungen nach Afghanistan: Wie beurteilen Sie das Vorgehen der deutschen Regierung?

Hans J.:

Zu dieser Frage möchte ich mich nicht äußern.“

Sayed P.:

Es ist nicht gut, was die deutsche Regierung da macht. Afghanistan ist nicht sicher! Und das wird es auch in absehbarer Zeit nicht sein. Diejenigen, die geflüchtet sind, haben das aus gutem Grund getan, bei vielen war oder ist das eigene Leben in Gefahr. Sie wieder zurückzuschicken, das ist falsch, das geht nicht, meiner Meinung nach.“

 

Was glauben Sie, warum ist es so schwierig Frieden in Afghanistan zu etablieren?

Hans J.:

Dafür gibt es meiner Meinung nach nur einen Grund und das ist die Korruption. In diesem Land ist jeder käuflich, weil Afghanistan so arm ist. Aber die Menschen sind selber schuld, sie haben diese Armut geschaffen. Ich bin da runter, weil ich den Menschen helfen wollte, bis ich ernüchternd festgestellt habe, dass dies nicht möglich ist, weil eben diese Korruption nicht zu bekämpfen ist.“

Sayed P.:

Oh, ich weiß es nicht, ich verstehe nicht viel von Politik und Frieden ist eine so große Sache und in Afghanistan herrscht schon so lange Krieg. Ich weiß wirklich nicht, wie das erreicht werden kann, was da passieren muss, damit der Krieg ein Ende findet.“

 

Wie könnte man Afghanistan Ihrer Meinung nach helfen, stabil zu werden?

Hans J.:

Diese Aufgabe überlasse ich den Politikern, ich kenne mich da viel zu wenig aus, bin als Soldat nur die ausführende Kraft. Aber ich glaube, wir hier in Deutschland hätten mehr Engagement zeigen müssen, hätten die Sicherheitspolitik mehr ausbauen müssen. Der Kampf gegen die Korruption muss weitergehen und die afghanische Armee und Polizei müssen weiter ausgebildet werden, damit die militärische Gewalt eines Tages zurück in ihre Hände gegeben werden kann. Dennoch denke ich, dass die deutsche Armee alles gegeben hat, um zu helfen.“

Sayed P.:

Weniger Korruption, weniger Gewalt. Aber ich glaube, Stabilität in Afghanistan ist zum jetzigen Zeitpunkt ziemlich unrealistisch, genauso wie Frieden. Das ist traurig, aber so ist es nun mal.“

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Afghanistans?

Hans J.:

Dass es endlich ein vereintes, als ein Ganzes auftretendes Afghanistan gibt, dass das Land nicht noch weiter zersplittert. Und das es ihm gelingt, aus eigener Kraft in Frieden zu leben. Das wünsche ich mir für Afghanistan.“

Sayed P.:

Das der Krieg aufhört. Bitte.“

 

Das Interview wurde geführt von Sophie Martin. Bild: Pexels

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