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Jahrzehntelange blutige Auseinandersetzungen haben Afghanistan geprägt. Bomben, Gewalt und Angst gehören hier zur Normalität. Was Frieden ist, dass weiß die afghanische Bevölkerung nicht. Viele sind geflohen. Und doch ist da ein wenig Hoffnung. Auf ein Ende der Schreckensherrschaft der Taliban. Auf einen Abzug der ausländischen Truppen. Auf einen langsamen Wiederaufbau der eigenen Heimat.

 

Was wissen wir über Afghanistan? Wenig. Außer, dass dort Krieg herrscht (auch wenn man an dieser Stelle hinzufügen muss, dass es für die Bundesregierung keinen Krieg gibt, sie spricht eher von einem „nicht-nationalen, bewaffneten Konflikt“). Dass dort im internationalen Vergleich das meiste Opium angebaut wird, beispielsweise. Und wir wissen, dass es ein armes Land ist. Ein Land, indem Frauen massiv unterdrückt werden. Afghanistan genießt kein gutes Ansehen in der Welt: Mit dieser Nation werden Taliban und Terrorismus, Krieg und Korruption, Menschenrechtsverletzungen und eingeschränkte Meinungsfreiheit assoziiert. Afghanistan kommt aus den internationalen Schlagzeilen nicht heraus, immer wieder erreichen uns Bilder und Nachrichten von zerbombten Städten, von Soldaten mit Gewehren und in Uniform, von verzweifelten Kinder, die keine Perspektive in ihrer zerstörten Heimat haben. Das ist traurig. Und erschreckenderweise Alltag. Doch was geschieht derzeit in Afghanistan? Um die heutigen politischen Strukturen im Land zu verstehen, muss zunächst die Geschichte Afghanistans näher betrachtet werden.

 

AfghanistanBasisfakten zu Afghanistan

Das Land am Hindukusch in Südasien ist verhältnismäßig klein, kommt auf eine Größe von 652.864 Quadratkilometer und ist somit aber immerhin fast doppelt so groß wie Deutschland. Es grenzt im Westen an den Iran, Turkmenistan und Usbekistan, im Osten an Tadschikistan sowie Pakistan und China. Und genau diese geopolitische Lage ist es, die Afghanistan seit jeher so interessant für internationale Großmächte macht. Die Hauptstadt der Islamischen Republik Afghanistan ist Kabul. Kabul ist gleichzeitig auch die größte Stadt im gesamten Staatsgebiet. Die Stadt ist hoffnungslos überfüllt, sie war ursprünglich für 500.000 Menschen geplant, heute leben dort jedoch schätzungsweise an die sechs Millionen Menschen, inoffiziell. Afghanistan gilt als eines der ärmsten Länder der Welt, das Bruttonationaleinkommen betrug 2015 630 US-Dollar je Einwohner. Circa 80 Prozent der Bevölkerung leben auf dem Land, nur etwa 20 Prozent sind in den Städten angesiedelt. Die Staatsreligion ist der Islam, davon zählen 80 Prozent zu den Sunniten, die verbliebenen 20 Prozent zu den Schiiten. Aber auch kleine Minderheiten von Hindus, Sikhs und Juden sind vorhanden. In Afghanistan werden die Sprachen Dari (Persisch) und Paschtu gesprochen, ein kleiner Teil der Bevölkerung spricht noch dazu Usbekisch.

 

Afghanistan im Kalten Krieg

Seit Ende der 1970er Jahre herrscht in Afghanistan Krieg. Permanent, ohne Pause. Im April 1978 begann die militärische Auseinandersetzung mit einem Staatsstreich durch die kommunistische afghanische Volkspartei. Dieser politische Akt wird auch Saurrerevolution genannt. Die Saurrerevolution beendete die fast fünfzigjährige Friedenszeit in Afghanistan und markiert den Beginn des bis heute andauernden Konflikts.

Doch zunächst bekommt Afghanistan eine bedeutende Rolle im Kalten Krieg. Im Dezember 1979 intervenierte die Sowjetunion in den innerafghanischen Konflikt mit dem Ergebnis, dass eine neue kommunistische Regierung in Kraft trat. Die Sowjetunion wurde starker Verbündeter dieser neuen Regierung, gemeinsam wurde gegen die Mudschaheddin gekämpft (der Begriff Mudschaheddin lässt sich von dem arabischen Wort Dschihad ableiten und bezeichnet im Allgemeinen jemanden, der sich für die Verbreitung oder Verteidigung des Islams einsetzt). Die Mudschaheddin wurden sowohl von den führenden Staaten der NATO als auch von der islamischen Welt unterstützt. Ziel der USA war es, den Einfluss der Sowjetunion in Asien zurückzudrängen.

Ziel der Sowjets dagegen war es, die eigene Macht zu stärken und zu verbreiten. Die Kämpfe in Afghanistan entwickelten sich zu einem Stellvertreterkrieg der Supermächte USA und Sowjetunion.

Als der Kalte Krieg 1992 schließlich sein Ende fand, brach auch das kommunistische afghanische Regime zusammen, es kam zu einem Bürgerkrieg, in dem die Taliban die Kontrolle über den größten Teil des Landes erlangten. Die Taliban ist eine islamische Miliz, die sich Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre unter Mullah Omar im Süden Afghanistans aus einer regionalen Bürgerwehr herausgebildet hat. Zunächst fanden die Taliban Unterstützung in Pakistan und in der CIA. 1996 gelang dem Netzwerk schließlich nach einem jahrelangen, äußerst blutigen Bürgerkrieg der Sieg in Afghanistan. Ziel war die Errichtung eines islamischen Gottesstaates. Alles, was das gesellschaftliche und kulturelle Leben Afghanistans ausmachte, wurde verboten. Dazu gehörten Kino, Fernsehen, Musik, Tanz und Sport. Hinzu kam die Schließung von Universitäten und Schulen. Der Handel und die Wirtschaft kamen zum Erliegen, Frauen werden bis heute massiv unterdrückt und diskriminiert. Eine Religionspolizei überwacht streng die Einhaltung dieser Verbote und der neuen Gesetze, Zuwiderhandlungen werden schwer bestraft.

 

Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus

Ein weiterer Meilenstein in der Historie des Landes ist der 11. September 2001. Dieses Datum markiert die jüngste Phase des seit 1978 andauernden Konflikts. Mit den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York begann der US-amerikanische, internationale Krieg gegen den Terrorismus. Die US-Regierung unter Bush verfolgte das Ziel, die seit 1996 herrschende Taliban-Regierung zu stürzen, das al-Qaida-Netzwerk sollte bekämpft und ausgelöscht werden. Zunächst verzeichneten die USA in ihrem Kampf gegen den internationalen Terrorismus auch erste Erfolge. Durch eine US-Intervention wurde die Taliban-Regierung gestürzt und es gelang der USA zusammen mit den NATO-Truppen, die verbliebene Opposition zu stärken. Viele Terroristen des al-Qaida-Netzwerkes wurden festgenommen oder getötet. Die USA gingen in Afghanistan ein Bündnis mit der Vereinigten Front ein, einer Anti-Taliban-Allianz. Am 07. Oktober 2001 griffen die USA zusammen mit der Vereinigten Front Stellungen der Taliban im gesamten Land an. Gemeinsam wurden erste schnelle, militärische Erfolge verzeichnet. Die militärischen Aktionen wurden von der Task Force Dagger, einer Spezialeinheit bestehend aus amerikanischen Soldaten sowie Streitkräften der Vereinigten Front, geleitet. Stationiert war die Task Force Dagger auf einem ehemaligen sowjetischen Luftwaffenstützpunkt in der Nähe der im Süden Usbekistan liegenden Stadt Qarshi. Im November 2001 wurde zunächst die afghanische Stadt Mazar-i-Schaif erobert. Den Amerikanern gelang es langsam, die Kontrolle über die ländlichen Versorgungslinien in die nördlichen Nachbarländer (allen voran Usbekistan) zu gewinnen. Diese militärische Offensive fand ihren Höhepunkt am 13. November 2001, als die Hauptstadt Kabul besetzt wurde. Es folgten die Talibanhochburgen Kunduz am 25. November und Kandahar am 07. Dezember. Danach wurde eine Übergangsregierung unter Präsident Hamid Karzai errichtet.

Während sich die Talibanbewegung in das Nachbarland Pakistan zurückzog, versuchten die USA eine demokratische Regierung aufzubauen. Von der Mehrheit der afghanischen Bevölkerung wurde dieses Unterfangen sehr begrüßt. Doch trotz aller Bemühungen konnten sich die Taliban von Pakistan aus wieder stabilisieren, sie planten und führten erneut Anschläge in Afghanistan aus, was zur Folge hatte, dass das ohnehin schon stark instabile Land immer mehr zersplitterte.

Der Krieg geht also weiter.

Bis dato forderte er 70.000 Todesopfer, die meisten davon sind unschuldige Zivilisten wie Frauen und Kinder. Mehr als zwei Millionen Menschen sind aus dem Land geflohen.

Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht.

Doch woran liegt das? Warum ist es so schwer, einen dauerhaften Frieden in Afghanistan zu etablieren?

Noch immer haben die Taliban Einfluss in Afghanistan, sie verüben Anschläge, es kommt zu schweren Kämpfen. Dadurch wollen sie zeigen, dass auch die jetzige Regierung die Sicherheit im Land nicht gewährleisten kann. Viele Kritiker der USA stellen in Frage, ob eine Demokratie „von außen“, also durch die amerikanischen Soldaten und deren Verbündete gegen den Widerstand der Mudschaheddin errichtet werden kann. Und es werden auch immer wieder Stimmen laut, die eine klare Position beziehen: Der internationale Terrorismus sei nicht allein in Afghanistan und vor allem nicht durch das Militär zu bekämpfen. Allein aus Rache schließen sich viele aus der einfachen Bevölkerung terroristischen Gruppierungen an, sie wollen Vergeltung für die zahlreichen zivilen Opfer des blutigen Krieges. In den vergangenen 30 Jahren wurde die Hälfte der afghanischen Bevölkerung vertrieben, ein Drittel floh in das europäische Ausland, viele in den ebenfalls politisch instabilen Nachbarstaat Pakistan.

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Struktur und Denkweise der Taliban

Der Ursprung der Taliban-Bewegungen geht zurück in die frühen 1990er Jahre. Die Organisation gründete sich, um aus Pakistan zurückgekehrten Flüchtlingen und Veteranen des Krieges gegen die Sowjetunion eine Lobby zu geben. Die afghanische Bevölkerung war zu diesem Zeitpunkt nach fast 17 Jahren Krieg äußerst kriegsmüde und die Taliban suggerierte ihr eine Aussicht auf Ruhe und Ordnung, was auf viel Wohlwollen stieß, so dass die Taliban schnell und effektiv einen Siegeszug gegen die Bürgerkriegsparteien führen konnten, um danach die Scharia, also das islamische Recht, im ganzen Land zu etablieren. Im September 1996 gelang es den Taliban, die Hauptstadt Kabul einzunehmen. Nach diesem Sieg riefen sie das Islamische Emirat Afghanistan aus, welches jedoch nur von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt wurde. Mulla Omar war in dieser Epoche die unumstrittene Führungsfigur der Taliban, er regierte gemeinsam mit einem kleinen Führungszirkel einflussreicher Funktionäre.

Zunächst reichte die Schreckensherrschaft der Taliban bis zum Oktober 2001. Die Taliban waren auf die amerikanische Gegenreaktion nach dem 11. September nicht vorbereitet, es gelang der USA innerhalb weniger Wochen mit Hilfe der Nordallianz den Taliban-Staat zu zerschlagen. Doch gerade mal vier Jahre später präsentierten sich die Taliban stärker denn je. Ihre Führung um Mulla Omar war in den Nachbarstaat Pakistan geflüchtet um von dort den Widerstand gegen die Amerikaner zu organisieren. Pakistan wurde wichtiger Verbündeter der Taliban und es wurde ihr sicheres Rückzugsgebiet. Und es kam den Taliban sehr entgegen, dass die USA unter Präsident Bush seit 2003 mehr mit dem Krieg im Irak als mit der Aufstandsbekämpfung in Afghanistan beschäftigt war. Das Taliban-Netzwerk lernte, sich besser zu organisieren, die eigene Taktik zu verfeinern und auszubauen. Das Resultat war eine immer gefährlicher werdende, skrupellose und unberechenbare Organisation. Bereits im Frühjahr 2006 hatten sich die Selbstmordattentate gegenüber dem Jahr 2005 verfünffacht. Hinzu kommt, dass sich diese jetzt auch immer häufiger gegen afghanische Sicherheitskräfte und Zivilisten richteten. Die Koalitionstruppen der NATO verloren die Kontrolle über den Süden und den Südosten des Landes, Kabul wurde wieder verstärkt von den Taliban angegriffen und auch der bis dahin als relativ sicher geltende Norden geriet immer mehr unter Beschuss. Die angestrebte Stabilisierung rückt erneut in weite Ferne. Die Spirale der Gewalt hört nicht auf, sich zu drehen.

 

Im Interesse der ISAF (International Security Assistance Force)

Im Dezember 2001 wurde die ISAF von dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in Afghanistan mandatiert. Die NATO und deren Partnerstaaten stellten die Soldaten und Truppen. Die Aufgaben der ISAF waren zunächst vor allem der Schutz der Übergangsregierung unter Hamid Karzai sowie die Unterstützung beim Wiederaufbau des Landes. Seit 2003 kam es jedoch wieder verstärkt zu Anschlägen der sogenannten „Neo-Taliban“, einer Guerilla-Gruppe der Taliban, die überwiegend aus dem Nachbarstaat Pakistan heraus agierte. Um dieses Erstarken der Taliban einzudämmen, wurde der Einsatzbereich der ISAF Schritt für Schritt erweitert und ausgebaut. Im Oktober 2003 wurde das ISAF-Mandat auf Gebiete außerhalb der Hauptstadt Kabul ausgeweitet, die Truppenstärke wurde von 9000 auf 18.500 Soldaten erhöht. Die ISAF übernahm die Koordinierung der Provincial Reconstruction Teams (kurz PRTs) im gesamten Land. Afghanistan wurde schließlich in mehrere Regionalkommandos aufgeteilt. So ein Regionalkommando wiederum ist in die folgenden Bereiche gegliedert: Die Foward Support Base, die der logistischen Unterstützung dient, mehrere Provincial Reconstruction Teams (siehe oben) sowie mehrere Operational Mentoring and Liasion Teams, ein Arm des Regionalkommandos, der für die Ausbildung der Afghanischen Nationalarmee (ANA) zuständig ist.

Die Afghanistan-Konferenz im Jahr 2010 in London stellte die Weichen für den langsamen Prozess der „Afghanisierung“: Die militärische Verantwortung sollte an die afghanische Armee zurückgegeben werden, die internationalen Streitkräfte sollten nach und nach abgezogen werden. Die afghanische Armee sowie die afghanische Polizei sollten gestärkt werden. Ein nicht zu unterschätzendes Problem bei der „Afghanisierung“ ist ein Phänomen, das unter Soldaten auch „Green on Blue“ genannt wird. Es bezeichnet den militärischen Vorgang, wenn die Verbündeten die Waffe auf ihre Partner richten. Im Klartext heißt dies, dass die ISAF-Soldaten durch die afghanische Polizei erschossen werden. 2012 kamen so insgesamt 54 ISAF-Soldaten zu Tode.

Die internationale Schutzmission in Afghanistan wurde 2014 abgeschlossen. Seitdem bilden die NATO und ihre Partner im Rahmen der Resolute Support Mission heimische Sicherheitskräfte aus. Es kommt auch heute immer wieder zu militärischen Eskalationen mit den aufständischen Taliban.

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Die Rolle Deutschlands im Afghanistan-Konflikt

Seit Ende 2001 sind deutsche Soldaten in Afghanistan stationiert, seit nun mehr als 15 Jahren. Anfangs ließ die deutsche Regierung unter Schröder verlauten, dass der Einsatz für eine maximal sechs Monate dauernde Friedensmission geplant sei. Doch schnell war abzusehen, dass diese Idee utopisch ist und es entwickelte sich ein langjähriger Kampfeinsatz. Begonnen hat das Drama im Dezember 2001 als Schröder den USA uneingeschränkte Solidarität zusicherte, mit dem Gedanken im Kopf, es handle sich um einen schnellen, kurzen Prozess, der bald wieder vorbei sein würde. Deutschland liefert also Soldaten für die ISAF-Truppen und die Enduring Freedom Operation unter der Leitung der USA beginnt. 2003, als die sechs Monate längst vorbei sind, wurde Deutschland klar, dass Afghanistan eine eher langfristige Angelegenheit werden würde. Und Deutschland verzeichnete die ersten Verluste. Immer wieder kam es zu Anschlägen, die sich gezielt gegen das deutsche Militär richteten. Im Juni 2003 kam es zu einem Sprengstoffanschlag auf einen deutschen Bus. In dem Bus befanden sich deutsche Soldaten, die auf dem Weg zum Flughafen gewesen waren, um in ihre Heimat zu fliegen. 4 Soldaten starben, 29 wurden verletzt. Doch zunächst kehrte Ruhe ein am Hindukusch. Kundus galt lange Zeit als eine ungefährliche Zone, den Deutschen gelang es, die Region einigermaßen zu stabilisieren. Ab 2006 veränderte sich die Situation jedoch merklich, es häuften sich Anschläge, die sich erneut gezielt gegen deutsche Patrouillen richteten. Die Region um Kundus verlor die mühsam und beschwerlich aufgebaute Stabilität durch die deutschen Soldaten und verwandelte sich wieder in einen Ort voller militärischer Auseinandersetzungen.

Der gesamte militärische Prozess läuft unter der Schirmherrschaft der USA. Die Rolle Deutschlands im gesamten Konflikt ist eher untergeordnet. Deutschland stellt zwar Soldaten für die ISAF-Truppen und wird auch bei wichtigen und hochrangigen Entscheidungen miteinbezogen, die USA bildet jedoch die letzte, ausführende Instanz. Die Strategie in der Afghanistanfrage wird von ihr in Kooperation mit den NATO-Bündnispartnern beschlossen und ausgeführt.

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Abschiebungen aus Deutschland nach Afghanistan

Afghanistan ist kein sicheres Land, da sind sich Flüchtlingsorganisationen und deren Helfer und Unterstützer einig. Für viele ist es unbegreiflich, dass in dieses politisch völlig instabile, von Terrorismus gebeutelte Land abgeschoben werden soll. Die Einschätzungen der deutschen Regierung sind absurd, sogar Kabul wird zu den sicheren Regionen gezählt. Doch welche Afghanen sind überhaupt betroffen? Im Fokus stehen junge und oft auch alleinstehende Männer, die Wahl derer, die in ihr Heimatland zurückgeschickt werden, ist jedoch oft völlig willkürlich, ohne erkennbares System. Oft trifft es auch eben solche Afghanen, die seit Jahren in Deutschland leben und hier gut integriert sind. Sie müssen ihr geregeltes Leben in Deutschland aufgeben, ihre Zukunft in Afghanistan ist ungewiss, sie sind dort verloren. Wenn sie keine Freunde oder Verwandte in Afghanistan haben, sind die Abgeschobenen komplett auf sich alleine gestellt, haben kein Geld, keine Unterkunft, keine Perspektive.

 

Afghanen in Hamburg

Und welche Position bezieht Hamburg in der Debatte um die Abschiebungen?

Die Zahl der afghanischen Migranten in der Hansestadt lässt sich nur schätzen, da viele Illegale darunter sind, die in keiner Statistik auftauchen. Man geht von ungefähr 30.000 Personen mit einem afghanischen Migrationshintergrund aus. Damit hat Hamburg die größte afghanische Community in ganz Europa. Rund ein Viertel der Flüchtlinge in Hamburg kommt aus Afghanistan. Allein im Jahr 2016 haben fast 5500 Afghanen in Hamburg Zuflucht gesucht. Hamburg verfügt über ein gut organisiertes, fein strukturiertes afghanisches Netzwerk, weswegen den vielen Neuankömmlingen schnell und effektiv geholfen werden kann. Für die meisten von ihnen kann von einer positiven Bleibeperspektive ausgegangen werden. Aber das ist nicht selbstverständlich. Und so bangen viele um ihren Aufenthaltsstatus, ihre Zukunft ist ungewiss. Das ist zermürbend. Und es kostet Kraft. Viel Kraft. Aber Hamburg gibt sich solidarisch. Die Mehrheit der Hamburger spricht sich gegen diese Abschiebungen aus. So kommt es immer wieder zu Demonstrationen. Demonstrationen gegen die Abschiebepolitik der Regierung. Die allgemeine Auffassung lautet: Abschiebungen nach Afghanistan seien nicht zu verantworten. So lautet der allgemeine Konsens. Und auch die Politik stimmt versöhnliche Töne an.

Im Jahr 2012 haben sich über 4.700 Afghanen in Hamburg einbürgern lassen, sie besitzen sowohl die afghanische als auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Fakt ist: Es darf niemand abgeschoben werden, der die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Der Senat in Hamburg fördert die Annahme der deutschen Staatsangehörigkeit durch afghanische Flüchtlinge. Rund 2.600 Afghanen in der Hansestadt verfügen über eine Niederlassungserlaubnis, somit haben sie ein unbefristetes Aufenthaltsrecht in Deutschland.

 

Das Interview Krieg in Afghanistan - Augenzeugen im Gespräch

 

Text: Sophie Martin Bilder: Rafiq Shirdel

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