+49 (040) 430 00 25 info@why-not.org

Das Netzwerk AFGHANISTAN INFO Hamburg wurde vor 15 Jahren, im Februar 2002, von dem Deutsch-Afghanen Rafiq Shirdel gegründet. Das Netzwerk versteht sich als Integrationshilfe für Flüchtlinge mit afghanischem Migrationshintergrund hier in der Hansestadt. Genauso wird aber auch Hilfestellung vor Ort in Afghanistan geleistet. Darüber hinaus liefert das Netzwerk einen immensen Beitrag zur Öffentlichkeitsarbeit, es dient als Kommunikationsbrücke zwischen verschiedenen Institutionen und beantwortet sämtliche, Afghanistan betreffende Fragen. In dem folgenden Gespräch äußert sich der Sohn von Rafiq Shirdel, der Sozialwissenschaftler Blall Shirdel, zu der aktuellen Situation in Afghanistan. Der 31-jährige erklärt wichtige politische Zusammenhänge und Gegebenheiten mit einem erschreckenden Fazit: Der Krieg in Afghanistan wird weitergehen.

 

In Afghanistan herrscht seit Jahrzehnten Krieg. Es gab aber auch Zeiten, in denen das nicht so war. Was ist von der alten, ursprünglichen afghanischen Kultur und Tradition übriggeblieben?

Das Land ist natürlich sehr islamisch geprägt, das war schon immer so. Was sich jedoch extrem gewandelt hat, ist die Position und Rolle der Frauen. Vor der Taliban-Herrschaft konnten Frauen ein völlig normales Leben führen, sind zum Beispiel im Rock und mit unbedeckten Schultern nach draußen gegangen. Dies stellte kein Problem dar. Schaut man sich jetzt zum Beispiel Bilder des alten Afghanistans an, so kann man sich das gar nicht richtig vorstellen. Früher gab es in Afghanistan ein offen orientiertes System. Ich gehe sogar soweit, zu behaupten, es war liberal. Doch durch die Taliban kam es zu einer scharfen Radikalisierung des Islams. Viel von Früher ist nicht übriggeblieben.

 

Afghanistan gilt als eines der ärmsten Länder der Welt. Kampfausbildung und Waffen sind teuer. Wie finanzieren die Taliban diesen Krieg?

Ich kann nur mutmaßen. Eine Geldquelle ist der Opiumhandel. Afghanistan ist Hauptopiumlieferant in der Welt und mit Drogenhandel lässt sich viel Geld machen, das wissen auch die Taliban. Ein anderer Faktor sind Entführungen. Die Taliban sind sich darüber im Klaren, dass die europäischen Regierungen für Entführungsopfer viel Geld zahlen, das machen sie sich zu nutze. Wieviel Geld da im Einzelnen fließt, ist nicht bekannt, wird nicht offiziell gemacht. Fakt ist aber, dass die Taliban, sollte nicht gezahlt werden, ihre Opfer definitiv erbarmungslos töten. Wenn mein Vater zum Beispiel in Kabul ist, verheimlicht er, dass er die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, eben aus Angst vor einer solchen Entführung. Und es gibt Zahlungen an Kommandeure der Taliban, quasi um Frieden zu mieten. In diese Machenschaften sind Geheimdienste verwickelt. Ein afghanisches Sprichwort und jahrhundertalte Erfahrung besagen, dass man einen Afghanen zwar mieten, aber nicht kaufen könne.

 

Aktuell macht Afghanistan immer wieder Schlagzeilen mit den Sammelabschiebungen aus Deutschland. Was erwartet diejenigen, die tatsächlich abgeschoben werden?

Perspektivlosigkeit. Das ist es, was sie erwartet. Von offizieller Seite aus heißt es zwar, dass sich um die Zurückgekehrten gekümmert wird, das entspricht allerdings definitiv nicht der Wahrheit. Sie haben dort oftmals niemanden, sind völlig auf sich allein gestellt. Die Kriterien, nach denen abgeschoben wird, sind schlichtweg willkürlich. Oft trifft es diejenigen Afghanen, die hier in Deutschland Wurzeln geschlagen haben, die die deutsche Sprache perfekt beherrschen, die über Universitätsabschlüsse verfügen und wirklich gut integriert sind. Die, die abgeschoben werden, fühlen nichts als Ohnmacht. Ohnmacht und Hilflosigkeit. Das geht so nicht. Das agieren der deutschen Regierung ist an dieser Stelle nichts als inakzeptabel. Wenn das Asylrecht bei Menschenfeinden wie der Daesch (IS) oder der Taliban nicht greift, dann muss man sich die Frage stellen, wann dann?! Die hiesige Gesellschaft darf dem faschistischen Druck nicht nachgeben, sonst geht die Strategie der IS auf – die eine Spaltung der westlichen Gesellschaft ganz bewusst fördert.

 

Was für Friedensbemühungen wurden in der Vergangenheit unternommen? Von Seiten der afghanischen Regierung selber, aber auch von der NATO und den Vereinten Nationen?

Diese Frage wirft bei mir eine andere Frage auf. Nämlich die, wie man Frieden überhaupt definiert, was für Maßstäbe man setzt. Die USA definiert den Begriff Frieden mit Sicherheit anders als wie zum Beispiel Deutschland oder auch weitere europäische Länder. Ich glaube, es gibt keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage, was in Afghanistan in der Vergangenheit für den Frieden getan wurde. Denn: es ist definitiv zu wenig. Es gelingt nicht, die Taliban zu besiegen, sie zu zerschlagen. Die Taliban sind immer da, sie sind geduldig, können warten, um dann wieder gezielt Anschläge zu verüben. Das macht sie so gefährlich. Auch der Versuch, Afghanistan zu festigen, eine stabile afghanische Regierung aufzubauen, scheitert immer wieder, egal wie sehr sich die ISAF-Truppen unter der Vorherrschaft der Amerikaner bemühen.

 

Was bringt Ihrer Meinung nach den Friedensprozess immer wieder ins Stocken?

Vieles wiederholt sich, es gibt wiederkehrende Muster, die den Friedensprozess erschweren. Die geopolitische Lage Afghanistans spielt hierbei eine große Rolle: Afghanistan liegt in Zentralasien, es grenzt an die Staaten China, die ehemalige UdSSR, Pakistan und Iran. Schon Alexander der Große hat erkannt, wie wertvoll diese Lage Afghanistans für eine expansive Ausbreitung seiner Macht in Asien ist. Aus einer imperialistischen Perspektive betrachtet, ist der Besitz von Afghanistan sehr erstrebenswert. Von Afghanistan heraus lässt sich schnell in alle Länder agieren, lässt sich Einfluss nehmen. Hinzu kommt, dass diese angrenzenden Staaten auch alle politisch instabil sind, sie senden immer wieder negative Impulse nach Afghanistan. Der Iran versucht seine schiitische Ideologie in Afghanistan nach vorne zu bringen und Pakistan hält Afghanistan mit der Unterstützung der Taliban instabil. Und die multiethnischen Gruppierungen in Afghanistan dürfen auch nicht außen vorgelassen werden: Afghanistan bildet keine Einheit, trifft nicht geschlossen als ein Ganzes auf. Der Rassismus innerhalb dieser Gruppierungen ist immens. Und die unterschiedlichen Mächte, die in Afghanistan agieren, bringen immer wieder Unruhe in das Land. Die Geheimdienste der verschiedenen Länder kooperieren nicht miteinander, es gibt keine gemeinsame Leitlinie. Ich würde die Zustände in Afghanistan noch nicht als Anarchie bezeichnen, aber wir sind nah daran. Zudem spielt Korruption eine große Rolle, viele politische Akteure sind käuflich.

 

Was denken Sie? Wie kann der Friedensprozess wieder ins Rollen gebracht werden?

Das ist schwierig. Würde es zum Beispiel gelingen, die Korruption im Land einzudämmen, wäre das eigentliche Problem noch lange nicht gelöst. Das erste, was Afghanistan braucht, ist Stabilität. Es muss dringend daran gearbeitet werden, dass es einen geschlossen auftretenden, afghanischen Staat gibt, möglicherweise mit einem föderalistischen System. Im Moment erfüllt Afghanistan ja noch nicht einmal die Kriterien für einen Nationalstaat. Die Voraussetzungen für Frieden sind derzeit nicht gegeben. Vielleicht müsste man auch die Taliban in diesen Friedensprozess miteinbeziehen, sie mit an den Tisch holen, mit ihnen ins Gespräch gehen. Auf jeden Fall muss die Macht der Taliban durchbrochen werden, soviel steht fest.

 

Welche Rolle nimmt Deutschland im Afghanistankonflikt ein?

Deutschland stellt Soldaten für die ISAF-Truppen, die zwar 2014 abgezogen wurden, aber immer noch im gesamten Land eine stille Präsenz zeigen. Und das deutsche Militär überwacht den afghanischen Luftraum. Aber diejenigen, die im Afghanistan eine wirklich große Rolle spielen, sind nach wie vor die Amerikaner, das muss man sich immer wieder vor Augen führen.

 

Wie ist die momentane, politische Lage in Afghanistan?

Durch meinen Vater bekomme ich viele Informationen aus erster Hand. Fakt ist, die Macht im Land ist geteilt. Auf der einen Seite steht der Präsident Aschraf Ghani, auf der anderen der einflussreiche Politiker Abdullah Abdullah. Bei der Wahl 2014 gab es ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen, Ghani gewann knapp. Die aktuelle Regierung ist nichts weiter als ein Kompromiss um einen guten Willen zu den Friedensbemühungen zu zeigen, um zu zeigen: Ja, okay, wir versuchen mit Hilfe der ISAF-Truppen eine stabile Regierung zu bilden. Diese Regierung ist jedoch mehr eine Farce, sie ist alles andere als stabil. Besorgniserregend ist selbstverständlich auch der Vormarsch des IS, dessen Einfluss in und auf Afghanistan stetig wächst. Und die Taliban stellen nach wie vor ein riesiges Problem dar, sie sind einfach nicht zu zerschlagen. Momentan ist es auch so, dass es innerhalb der Taliban zu Konflikten, zu Machtkämpfen kommt. Unkoordinierte Anschläge in ganz Afghanistan sind die Folge. Das macht die Taliban so gefährlich. Hinzu kommt die immense Arbeitslosigkeit im Land, sie spielt eine große Rolle, macht die Bevölkerung natürlich unzufrieden.

 

Welche Prognose stellen Sie für das Land?

Mit der Machtergreifung von Trump in den USA sind die Karten neu gemischt. Es ist schwer zu sagen, wie es für Afghanistan weitergeht. Aber gut wird es bestimmt nicht. Leider. Wir müssen jedoch der Wahrheit ins Gesicht schauen.

 

Text: Sophie Martin Foto: David Torres

Related Post

Hinterlasse einen Kommentar


Sicherheitscode
Aktualisieren